Verantwortungsgemeinschaft für den Frieden
Der Bundestags-Wahlkampf 2002 sieht aus wie immer, die Städte hängen
voller Parteienwerbung. An den Laternen und Straßenschildern gibt's langweilige
DIN A1-Formate mit lächelnden Köpfen, zugehörigen Namen und 3-Wort-Sätzen
wie etwa "die linke Kraft" oder "Einer von uns"; in der
Innenstadt gibt's die oft in Serie geschalteten DIN A0-Aufsteller und an den
Kreisverkehren und Hauptstraßen sind die großen Billboards zu sehen,
auf denen SpitzenkandidatInnen für programmatische Kernsätze stehen
wollen.
Ende Juli 2002 - unmittelbar vor Beginn der deutschlandweiten Plakatierung solcher Parteienwerbung - lebten in der Gemeinde Tornitz/Werkleitz in Sachsen-Anhalt überraschenderweise die Wahlkämpfe der 70er Jahre wieder auf: Anläßlich der 5. Werkleitz Biennale >Zugewinngemeinschaft< hatten die KünstlerInnen Martin Conrath & Marion Kreißler über hundert 1:1 Reproduktionen der damaligen Wahlplakate von SPD, CDU, FPD, NPD und Nationaler Front hergestellt und in der üblichen Weise an Straßenlaternen und -schildern flächendeckend aufgehängt. Da sah man dann einen dreißig Jahre jüngeren Helmut Kohl, der "Kanzler für Deutschland" werden wollte, Hans Dietrich Genscher, der telefonierend zu "Leistung wählen" aufrief, und den damaligen Bundeskanzler freundlich reimend: "Deutsche, wir können stolz sein auf unser Land, wählt Willy Brandt" - ein Slogan, den man heute eher bei anderen Parteien vermuten würde.
Zusätzlich hängten Conrath/Kreißler einige Fassadenbanner in
der Gemeinde auf, die Statements oder Teile davon trugen und nur noch über
ihre Hintergrundfarbe an bestimmte Parteien denken ließen. Einer davon
war stolze 203 Quadratmeter groß und verkündete an einer Metallbau-Halle
in blauer Schrift auf gelbem Grund: "Verantwortungsgemeinschaft für
den Frieden - Ihre Freiheit ist unsere Niederlage". Wessen Niederlage?
Wessen Freiheit? Und was ist eine 'Verantwortungsgemeinschaft'? Der erste Teil
dieses Appells ist ein Zitat von Helmut Schmidt aus dem Jahre 1976, der zweite
entstammt dem Anfang 2002 erschienenen offenen Brief Frank Schirrmachers an
Robert Walser anläßlich von dessen Buchveröffentlichung 'Tod
eines Kritikers'. Als vieldeutig nichtssagende Kombination könnte der Appell
aber eigentlich auch glatt in Debatten über Deutschlands Teilnahme an einem
Krieg im Irak auftauchen. Oder sonst irgendwo. Gleichermaßen ambivalent
war die Farbgebung des riesigen Fassadenbanners: Der Blau-Gelb-Kontrast erinnerte
ebenso an die FDP wie auch an die Supermarktkette Edeka.
In diesem Biennale-Beitrag ging es um die Zeitlosigkeit von Wahlkampf-Parolen,
um ihre rein ästhetischen Reize und um ihre Losgelöstheit von den
jeweiligen politischen Konstellationen (vgl. www.werkleitz.de/locksit/Biennale_2002/).
Wie sich an Conrath/Kreißlers Untersuchungen zeigte, ist die Themenbandbreite
von Wahlslogans erstens kaum parteiengebunden und zweitens relativ eingeschränkt.
Letzteres ist sicher nicht auf die Einfallslosigkeit der Campaigner zurückzuführen,
sondern darauf, dass es offensichtlich immer wieder die gleichen Stichwörter
und Werte sind, mit denen demokratische Mehrheiten gewonnen werden können:
Sicherheit, Frieden, Arbeit, Gerechtigkeit, Wachstum usw. Seit es moderne, demokratische
Gesellschaften gibt, sind dies die trigger-Wörter der Parteienpolitik -
und zunächst scheint gegen sie auch nichts einzuwenden zu sein. Genau dadurch
funktioniert's: Solche trigger erschleichen Zustimmung und erlauben es gleichzeitig,
keine politische Position einzunehmen.
Als Laie in diesem Bereich habe ich den Eindruck, dass Wahlkampfslogans stets
zwei eigentlich gegensätzliche Assoziationen vermitteln müssen. Erstens
soll das Behauptete als eine Selbstverständlichkeit erscheinen, der man
sich sofort anschliessen kann. Zweitens aber soll es für ein Novum, für
etwas Progressives und Aufbrechendes stehen, damit bloß niemand den Eindruck
von Stillstand bekommt. Die Regierung muss immer einen Fortschritt in progress
suggerieren, die Opposition immer eine Zäsur mit darauffolgender Veränderung
versprechen. "Zeit für Taten" - ein Sprüchlein vor ultramarinblauem
Grund mit dem die CDU-Agentur im Sommer 2002 Lust aufs In-die-Hände-Spucken
machen wollte - zeigte dieses Motiv am einfachsten. Genauso simpel und mit derselben
Hintergrundfarbe war die Antwort der SPD-Agentur: "Gemeinsam schaffen wir
das".
Wie austauschbar und weit entfernt von konkreten politischen Fragestellungen
Wahlkampfslogans sind, wird deutlich, wenn man sie unabhängig von den mitgelieferten
Bildern und Parteilogos diskutiert - ein beliebtes Kneipenthema. Ihre Gehaltlosigkeit
ist zwar genauso offensichtlich wie bei den Slogans der wirtschaftlichen Werbung
(wo sich die Produkte ebenfalls oft kaum unterscheiden), aber trotzdem funktioniert
in Diskussionen darüber dann wieder die gewünschte Markendistinktion
zwischen den Parteifirmen. Ein Beispiel: "4 Millionen Arbeitslose sind
das Armutszeugnis dieser Regierung" - damit hätte auch die Opposition
von 1998 schon werben können. Diese Entgegnung und der Plakatslogan selbst
eignen sich für AnhängerInnen jeder Partei, um im Kneipengespräch
Unterschiede stark zu machen. Vielleicht ist das der Grund, weshalb die Campaigner
für Wahlkämpfe bisher nie jenen Weg gingen, auf dem es die Firma Benetton
immerhin bis in renommierte Kunstmuseen geschafft hatte. Das textfreie, reine
Bildversprechen in Kombination mit einem bloßen Logo würde wohl zu
wenig Diskussionen über vermeintliche Parteiprofile herstellen. Es wundert
mich übrigens ein wenig, dass Oliviero Toscani die deplatzierten Bilder
in späteren Jahren - als ihr Effekt nachließ - nicht um deplatzierte
Slogans ergänzt hat, und dass Benetton zur konventionellen Image-Werbung
zurückkehrte: junge, saubere Menschen weltweit, vor weißem Grund.
Abgesehen von den üblichen Filzstift-Kritzeleien mit denen die auf Wahlkampfplakaten
abgebildeten PolitikerInnen schon immer etwas vermenschlicht wurden, indem man
ihnen z.B. Zahnlücken, Teufelshörner oder Geschlechtsteile hinzufügt,
waren in Berlin 2002 noch andere Interventionen zu sehen. Wo z.B. Edmund Stoiber
diesmal verkündete "Der Weg ist klar - aufwärts", da wurde
hier und dort die Silbe 'auf' typografisch passend mit der Silbe 'rück'
überklebt; und die auf PDS-Plakaten abgebildeten Personen erhielten eine
Sprechblase mit dem beschwichtigendem Satz: "It's only porn, mum".
Bei solchen Eingriffen stellt sich mir die Frage, wie die Perversion der Wahlkämpfe
und Parteienpolitiken komplexer als über Plakatzerstörungen oder Verhöhnungen
kritisiert und an den konkreten Status Quo politischer Themen zurückgebunden
werden könnte. Da letztere durch die mediale Aufbereitung in so genannten
Nachrichtenmagazinen und so genannten politischen TV-Journalen von Bildsurrogaten
und Schlagsätzen dick überzogen sind, eignet sich die gute alte Politik
der Gegeninformation sicher nicht dazu, um im 'öffentlichen' bzw. massenmedialem
Raum den Parteifirmen wirksam entgegen zu treten. Auch Strategien wie jene von
John Heartfield, Klaus Staeck oder Barbara Kruger sind heute wahrscheinlich
nicht mehr zeitgemäß.
Eine Anti-Wahlkampfkampagne, die auch auf die politischen Themen zurückkommen will, müsste vielleicht drastischer und gleichzeitig subtiler sein. Sie müsste die Künstlichkeit der Parolen und Bilder authentisch vermitteln, ohne bezüglich der Themen in reinen Sarkasmus zu verfallen. Vielleicht könnten bekannt und deplatziert erscheinende Parolen von den ebenfalls bloß bekannt erscheinenden Themen isoliert und mit Bildern kontrastiert werden, die überraschende Bezüge herstellen? Pointen und Fragezeichen müsste es dabei geben, Genuß und Betroffenheit. Zuletzt ginge es dann noch darum, große Verbreitung und reichlich Platz in den Städten für solch eine Kampagne zu schaffen. Denn sonst liefe sie Gefahr, nur als kritische Kunst angesehen zu werden.
Holger Kube Ventura
