von Bettina Steinbrügge, Halle für Kunst Lüneburg
WORK LIFE BALANCE
Warum stehen Menschen auf Autobahnbrücken und beobachten den endlosen Fluss
der Blechlawinen? Warum sitzt ein Mann im eleganten Business-Outfit an einem
Fluss und starrt auf seine Füße? Warum sind die Blicke der Demonstranten
leer und resigniert statt kämpferisch? Wie ist das zurückhaltende
Lächeln der beiden Frauen am Infopoint zu verstehen? Nähert man sich
den Fotografien der Dresdner Künstlergruppe Reinigungsgesellschaft wird
die Oberfläche zu einem Denkbild, welches entschlüsselt werden möchte.
Es geht um scheinbar banale und alltägliche Oberflächenäußerungen,
die ihren tieferen Sinn zunächst verborgen halten. Kracauer konstatierte
in Ornament der Masse, dass die Oberfläche der Traum einer Gesellschaft
sei, den sie von sich selber träumt und der sie deutbar macht. Wenn sich
die Masse in ihren Ornamenten träumt, ist der Traumgehalt ihr gesellschaftlicher
Beweggrund. Aber wo liegen derzeit die gesellschaftlichen Bedürfnisse,
oder vielmehr, wo liegen die Bedürfnisse des einzelnen Subjekts?
Die Balance von Arbeit und Leben ist längst aus den Fugen geraten. Der allzeit verfügbare Mensch, der von einer Beschäftigung zur nächsten taumelt, hat kaum eine Chance, sich seiner Bedürfnisse bewusst zu werden. Der Oberflächencharakter der Bildserien scheint genau darauf zu verweisen. In der Darstellung liegt eine indifferente Offenheit, welche die derzeitige Situation nicht besser charakterisieren könnte. Der flexible Mensch, den Richard Sennett so treffend beschrieben hat, hat sich in der Ökonomisierung aller Lebensbereiche verloren und sammelt jetzt die verschiedenen Facetten seines Selbst ein - ohne daraus je wieder ein Gesamtbild erschaffen zu können.
Spätestens seit
dem Zusammenbruch der New Economy sind die Strukturen der gesellschaftlichen
Fassade brüchig geworden. Für ein paar Jahre schien es, als könnte
gerade die kapitalistische Arbeitsgesellschaft den humanen Einstieg in eine
individuelle Selbstverwirklichungskultur bieten. Aber die schöne neue Arbeitswelt
versprach mehr als sie halten konnte. Zurück blieb das Individuum, dem
der soziale Raum entzogen wurde. Die Grenze zwischen Arbeitswelt und Freizeit
ist aufgehoben, das (Arbeits-)Team ersetzt die traditionellen sozialen Bindungen
und Freizeit wird zur leistungsbezogenen Selbstoptimierung funktionalisiert,
um sich den Anforderungen auch morgen wieder stellen zu können. Die Theatralisierung
von Arbeit, wie auch ihre Ausdifferenzierung in einer Oberflächenkultur,
lässt sie selbst zum eigentlichen Lohn und Investment werden.
Bestand der Entwurf des modernen Menschen in der Einheit des Lebens oder auf
der Entfaltung von Persönlichkeit, so ist der postmoderne Mensch gekennzeichnet
von Brüchen, von Neuanfängen und von Flexibilitäten. Es gibt
kein zentrales Subjekt mehr, keinen Lebensmittelpunkt, kein vorgeschriebenes
Ziel und keinen festen Ausgangspunkt. Der damit einhergehende Verlust sozialer
Bindungen oder eines sozialen Gefüges hat einen Individualismus ohne Individuum
entstehen lassen. Es gilt, sich permanent neu zu erfinden. Hier lässt sich
allenfalls noch fragen, ob Identität unter diesen Vorraussetzungen überhaupt
noch entstehen kann und welches Widerstandspotenzial vorhanden ist. Fest steht,
dass hinter den Fassaden moderner Reformen und liberaler Demokratisierungen
schon lange Zurichtungs- und Anpassungsgewalten wirken, die das Individuum einem
permanenten Zwang zur Leistung aussetzen. Die vielbeschworene Freiheit hat sich
als Lüge erwiesen.
Aber zurück zum Ausgangspunkt: Die Umstrukturierung der Arbeits- und Lebenswelt
hat ein Paradoxon generiert, das nur schwer zu bewältigen ist: Auf der
einen Seite steht der Traum von der Selbstverwirklichung des Menschen, der sich
stets neu erfindet. Auf der anderen Seite wird der Prototyp des entwurzelten
Individuums sichtbar; gekennzeichnet durch die vergebliche Suche nach der eigenen
Identität und eine trügerische Selbstinszenierung im Rollenspiel.
An die Stelle der bruchlosen Arbeitsbiographie ist ein Patchwork verschiedener
Aufgaben und verschiedener Arbeitsplätze getreten, unterbrochen von Phasen
ohne Arbeit. Damit wird den traditionellen Identitätsmodellen der Boden
entzogen. Die klassische Auffassung von Identität, Stabilität und
persönlicher Unversehrtheit wird dysfunktional innerhalb einer Welt, in
der wir permanent aufgefordert sind, den Wandel zu internalisieren. Darauf muss
das Individuum Antworten finden, die sich zumeist in der Vermarktung und Theatralisierung
der eigenen Individualität erschöpfen. Jeder Einzelne wird zum Bastler
seiner eigenen Identität - mit der Konsequenz, dass eine Persönlichkeitsstruktur,
die vor wenigen Jahrzehnten noch als Krankheitsbild galt, heute zum gesellschaftlich
geforderten Rollenbild mutiert: die multiple Persönlichkeit. Weiter heißt
es bei Meschnig, dass der proteische Mensch - der von außen geleitet auf
Erwartungen, Veränderungen und Möglichkeiten flexibel reagiert und
seine Identität den jeweiligen Gegebenheiten anpasst - das Ideal unserer
Zeit verkörpert. Proteus ist jener sich ständig verwandelnde Meeresgott
aus der griechischen Mythologie, der beispielhaft für den Traum vom sich
selbst verwirklichten, sich stets neu erfindenden Menschen steht. Dabei charakterisiert
die mythologische Figur des Proteus zugleich den Prototypen des entwurzelten
Individuums, das nie zu sich findet.
Im Projekt "Work Life Balance", welches eine Serie von Fotografien
und eine Videoinstallation umfasst, untersucht die Reinigungsgesellschaft, wie
sich das menschliche Leben in effizienzorientierte, flexible Strukturen einschreibt.
Lebensräume jenseits wirtschaftlicher Pragmatismen werden erkundet, und
Spuren zivilen Lebens, die sich normierten Lebenssphären beimischen, werden
sichtbar gemacht. Dies geschieht sowohl in Bildern von Arbeit wie auch in Bildern
von Freizeit oder besser "Nicht-Arbeit". In einer Gesellschaft, die
die Arbeit zum Lebensstil erkoren hat, sind aber auch die Bilder, die den nicht
arbeitenden Menschen zeigen, zwangsläufig nicht ohne Arbeit zu denken und
zu sehen. Das führt auf zwei Fährten: Einerseits sind sie beredtes
Beispiel für die Funktionalisierung von Freizeit. Andererseits zeugen sie
vom Verlust eben dieser Arbeit und sind somit auf das nichtarbeitende Subjekt
fokussiert. Letzteres ist genau die Vorstellung, die insbesondere in der westlichen
Gesellschaft derzeit die größten Ängste auslöst. Die Reinigungsgesellschaft
zeigt hier Bilder, die die Welt der Arbeit transparent und messbar machen. Bilder,
die auch von der Zeit ohne Arbeit sprechen. Die Identitäten der dargestellten
Personen lassen sich nicht ausmachen und verweisen so wieder auf die Kluft zwischen
der Einheit von Arbeit und Identitätsbildung.
René Pollesch
lässt einen seiner Hauptdarsteller sagen: "Ich weiß nie, arbeite
ich gerade oder nicht. Und was in mir arbeitet, dass kann ich meistens nur erahnen."
Hier wird ein Szenario beschworen, das eine inzwischen alltägliche Situation
umreißt, fernab der Trennung zwischen Arbeit und Freizeit, zwischen Wohn-
und Arbeitsort, wie sie für die fordistische Produktion charakteristisch
war. Es existiert kein Gegensatz mehr zwischen Arbeit und Freizeit, sondern
ein Nebeneinander, welches, wie eine Ausstellung des NGBK in Berlin von 2004
es treffend bezeichnet, dem Begriff des "Tätig Seins" am nächsten
kommt. Das "Tätig sein" findet sowohl in der Arbeitswelt als
auch in der Freizeit statt. "Sinngebung durch Beschäftigung"
ist dabei oberste Maxime. Diese Situation gestaltet sich um so prekärer,
je weniger Arbeit vorhanden ist. Da Freizeit immer stärker zugunsten der
Arbeit negiert wurde, ist Freizeit heute durch die Abwesenheit von Arbeit bestimmt.
Freizeit bedeutet "Nicht-Arbeit" und ist dementsprechend mit einem
Fluch belegt. Wie geht es dem "Selbst" während dieser "Auszeit"?
Ist es überhaupt eine Auszeit? Das Selbst soll neu konfiguriert werden
(eine Stunde Tai Chi sollte ausreichen); es soll auftanken, rasch wieder hergestellt
werden, sich fit machen und schlagkräftig sein. Auch den Arbeitslosen wird
ein rundum erfüllter Tag verordnet: "soft skills" müssen
erweitert werden, "hard skills" ebenso, Bewerbungen sind zu schreiben,
man wird trainiert und in Coaching-Seminare geschickt. Die Videoarbeit "Work
Life Balance" stellt Arbeitswelt und Freizeitwelt auf treffende Art und
Weise nebeneinander. Aufnahmen von automatisierten Bewegungsabläufen in
Produktions- und Dienstleistungsbetrieben lassen den Menschen vermissen, während
dieser sein physisches Bewegungspotenzial in den ritualisierten Abläufen
des Tai Chi demonstriert und damit in den Freizeitbereich verlagert hat. Man
denkt unweigerlich an eine Selbsterfahrungskultur, in der Individualität
thematisiert, anerkannt und gefördert werden soll. Der Einzelne, der in
der Gesellschaft und durch die Gesellschaft keine Identität mehr gewinnen
kann, erhält hier Sinn und Orientierung. Es ist aber auch zu fragen, ob
diese Selbsterfahrungskultur nicht zunehmend im Dienste einer Flexibilisierung
des Selbst steht, die nicht nur das Bewusstsein sondern auch den Körper
umfasst. Im Zeitalter des Postfordismus werden unsere Körper in öffentlichen
Räumen und privaten Institutionen ökonomisch verwertet. Das geschieht
nicht nur während der Arbeitszeit, sondern ebenso in der Instrumentalisierung
unserer Freizeit. Und auch der Körper bleibt an der Oberfläche, wird
er doch durch Fitnesstraining und kosmetische Operationen auf das gesellschaftliche
Ideal getrimmt. Inwieweit die Psyche den physischen Veränderungen folgt,
bleibt abzuwarten.
Und so scheint sich auch die Bildserie der Reinigungsgesellschaft durch das
Spiel mit der Oberflächenstruktur mit dem Konflikt zwischen Wunschvorstellung
und Wirklichkeit auseinanderzusetzen. Intention der Künstlergruppe ist
dabei offenbar die Thematisierung von vorhandenem Protestpotenzial. Schaut man
sich das Foto einer Gewerkschaftsdemonstration an, sieht dies eher wie ein Abgesang
auf jeden kämpferischen Willen aus. Den "Autobahnbrückenbeobachtern"
mag man auch lieber Fluchtgedanken unterstellen und der junge Herr im Anzug
sieht nicht so aus, als würde er wirklich ausbrechen wollen. Aber vielleicht
geht es hier ja auch um die Rückeroberung von Subjektivität, die sich
nicht umgehend klar definiert. Die Neukonstruktion des Subjekts unter ökonomischen
Prinzipien soll in Frage gestellt werden.
Alle sprechen über Arbeit, obwohl oder gerade weil es immer weniger davon
gibt bzw. Arbeit bis zur Unkenntlichkeit emotionalisiert und privatisiert ist.
Wenn "Tätig sein" aber derart belegt ist, scheint die Langeweile
schon fast zur Verlockung zu werden. Diese Assoziation kommt einem doch umgehend
in den Sinn bei der Frage, warum Menschen sich auf Autobahnbrücken stellen
und nach unten schauen. Es ist absurd und für Absurditäten ist in
Zeiten von Effizienz kein Platz. Kracauer verleiht dem Begriff der Langeweile
in einem interessanten Zusammenhang einige Relevanz:
"Dann ist Langeweile die einzige Beschäftigung, die sich ziemt, da
sie eine gewisse Gewähr dafür bietet, dass man sozusagen noch über
sein Dasein verfügt. Langweilt man sich nicht, so wäre man vermutlich
überhaupt nicht vorhanden und also nur ein Gegenstand der Langeweile mehr,
was zu Anfang behauptet wurde - man leuchtet über den Dächern auf
oder liefe als Filmstreifen ab. Ist man aber vorhanden, so muß man sich
notgedrungen über das abstrakte Getöse ringsum langweilen, das nicht
duldet, dass man existiere, und über sich selber, dass man in ihm existiert."
Inmitten der Spaß-,
Risiko- oder Arbeitsgesellschaft entpuppt sich die Langeweile manchmal als eine
intelligente Antwort auf ein überforderndes Leistungssystem, oder auch
als ein Ausweg, seine eigene Realität zu reflektieren. Hier wird das Gefühl
einer leeren Zeit heraufbeschworen, in der alles plötzlich verschwunden
ist. Ist es wirklich so ungewöhnlich, auf einer Autobahnbrücke zu
stehen und sich der Bewegung hinzugeben, zu träumen und dabei Nicht-Tätigkeit
zuzulassen? Wichtig könnte es sein, mit der Langeweile im eigenen und im
kollektiven Leben umgehen zu lernen und dabei die scheinbare oder wirkliche
Bewegungslosigkeit nicht mit erfundenen Aktivitäten und Betriebsamkeit
zum Verschwinden zu bringen. Einmal nicht zu reisen, sondern die Landschaft
vor dem Fenster oder die Landschaft des eigenen Lebens auf sich zukommen zu
lassen. Es geht nicht darum, den Begriff der "Arbeit" schlecht zu
machen, sondern ihn wieder auf ein nicht zerstörerisches Maß zurückzuführen.
Die Arbeiten der Reinigungsgesellschaft stellen in wohltuender Weise den Menschen
in den Mittelpunkt ihrer Recherche. Es wird ersichtlich, dass der "Faktor
Mensch" sich der totalen Funktionalisierung verweigert. Möglicherweise
liegt hier das Protestpotenzial, nach dem die Künstler suchen. Es scheint
kaum möglich, den Einzelnen auf ewig als belastenden Kostenfaktor oder
willigen Konsumenten funktionalisieren zu wollen und sich darauf zu verlassen,
dass entweder der Druck oder die Verheißungen auf Selbstverwirklichung
das System aufrechterhalten. Genauso wie die Autobahnbrückenbeobachter
von Mobilität und Weite träumen können, kann der Mann im maßgeschneiderten
Business-Outfit Kraft sammeln und sich seine Auszeit nehmen. Es erscheint, als
sei in diesen Fotografien der rasende Stillstand eingetreten, den Virilio propagiert
hat. Das ewige Fortschreiten in Ermangelung von Zeit findet einfach nicht statt.
