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Christiane Mennicke , Leiterin des Kunst Haus Dresden

Rede anläßlich der Eröffnung der Ausstellung Work/Life Balance in der Galerie Patrick Daniel Baer

20. Juli 2004

Guten Abend, ich freue mich heute Abend hier sprechen zu dürfen und dass Sie, in ihrer kostbaren Freizeit, den Weg hierher gefunden haben.

Ist Ihre Anwesenheit heute Abend hier Freizeit? Oder nur so halb? Mit dieser Frage habe ich neulich auf einer Eröffnungsparty in Vilnius schon mal eine junge Soziologiestudentin erschreckt, als ich versuchte, ihr zu erklären, inwieweit im soziologischen Feld der Kunst der Übergang zwischen Arbeit und Freizeit immer schon extrem fließend war. Eine Lesart, die gewissermaßen dröge funktional die Prinzipien der schillernden Boheme erklärt, die sich deswegen vom Schillern noch lange nicht abhalten lässt.

Die REINIGUNGSGESELLSCHAFT mit oder ohne Henrik Schrat beschäftigt sich schon so lange mit dem Thema Arbeit, dass ihr etwas gelungen ist, was eigentlich das Ziel eines jeden Unternehmens ist: Eine unlösbare Verknüpfung von Produkt und Hersteller im Bewusstsein einer breiten Zielgruppe, in diesem Fall des Kunstbetriebes: Das ist so wie Erfrischungsgetränk und Coca Cola - Wann immer Sie das Thema Kunst und Arbeit erwähnen, wird unweigerlich ihr Gesprächspartner zu Ihnen sagen: Kennen Sie eigentlich die REINIGUNGSGESELLSCHAFT?

Eine Steigerung im Sinne dieses erfolgreichen Marketingkonzeptes wäre eigentlich nur noch in der synonymen Gleichsetzung von Marke und Produkt zu erreichen: Am 29. Januar 1929: meldeten die Vereinigten Papierwerke Nürnberg beim Reichspatentamt in Berlin mit dem Warenzeichen Tempo die erste deutsche Papiertaschentuch-Marke an. Das praktische Einmaltaschentuch aus Zellstoff und der einprägsame Markenname entsprachen dem Zeitgeist der 20er Jahre und so setzte sich das praktische, hygienische Papiertaschentuch immer mehr durch. Nur vier Jahre nach der Markteinführung, wurden bereits 35 Millionen Tempo Taschentücher produziert und im Jubiläumsjahr 2004 erreichen weltweit etwa 20 Milliarden Tempo Taschentücher den Verbraucher.

Wie wäre es also mit Reinigungskunst? Teil dieses Erfolgskonzeptes ist natürlich, dass keiner mehr so recht weiß, wer dahintersteckt, dass die gute deutsche Marke mittlerweile dem Multinational Procter & Gamble gehört und auch bei REINIGUNGSGESELLSCHAFT wissen viele gar nicht mehr so recht, wer oder was sie nun ist - und die neue Frage, die angesichts dieser Produktpräsentation entsteht: Wurde die REINIGUNGSGESELLSCHAFT vielleicht von Patrick Baer aufgekauft?

Spaß beiseite - ich denke, es ist mehr an diesem Vergleich dran, als nur auf der Ebene des Witzes. Nicht von ungefähr gründete sich die REINIGUNGSGESELLSCHAFT Mitte der neunziger Jahre in einem leerstehenden Betriebsgebäude, wie sie seit der Wende in den neuen Bundesländern zuhauf zur Verfügung stehen. Dies war nicht nur ein isoliert stattfindender pragmatischer Zug des Ärmelhochkrempelns und der Selbstorganisation, sondern dieser "Move", so wurde man im Unternehmensneudeutsch sagen, entsprach dem Zeitgeist und der historischen Situation. Überall gründeten sich Mitte der neunziger Jahre in Westeuropa Künstlergruppen und Produzentengalerien in solchen durch die Produktion verlassenen Orten, und nicht nur das: sie übernahmen vielfach den Namen des verlassenen Betriebes oder gaben sich eine andere, aber in den meisten Fällen an Unternehmen orientierte "Corporate Identity" mit dem entsprechenden Produkt Design, Website und Beschreibung ihres Serviceangebots oder Dienstleistung.

Dieser Trend, der im übrigen anhält, wäre mittlerweile dringend eine eigene Studie wert, und ich bin sicher oder hoffe, dass derzeit Diplomanten irgendwo in Deutschland an der Fertigstellung der entsprechenden Arbeiten brüten -
in jedem Fall setzte er nur kurze Zeit nach der immer massiver formulierten Aufforderung Anfang der Neunziger Jahre ein, die in manchen Kreisen als "neoliberal" bezeichnet wird: "Nehmen Sie Ihr Schicksal in die eigene Hand!" - "Gründen Sie ein Unternehmen!", die mittlerweile in Deutschland unter anderem zu einer ökonomischen und sprachlichen Konstruktion geführt hat, die man noch vor kurzem für einen Witz gehalten hätte: Die vielzitierte und nun auch erlebte "Ich-AG".

Die REINIGUNGSGESELLSCHAFT funktioniert also, wie viele andere für den Normalverbraucher erklärliche oder unerklärliche Dienstleister, die in den vergangenen 15 Jahren aufgetaucht sind, als blühendes Leben in den Ruinen des Fordismus. Die industrielle Produktion, also die, die man mit dem Namen Ford verbindet, am Fliessband schuftende Arbeiterinnen und Arbeiter, wird ausgelagert oder automatisiert und das Neue, was produziert wird, lässt sich nicht anfassen und vielen Fällen noch nicht einmal ansehen - es sei denn, und das ist wichtig, es wird visuell aufbereitet.

Diese visuelle Aufbereitung - und das ist wichtig auch für das Verständnis der Arbeit der REINIGUNGSGESELLSCHAFT und jeden der versucht, hier das eigentlich künstlerische zu fassen- ist jedoch nur eine Kommunikationsoberfläche - sie ist nicht das eigentliche Produkt, sondern verweist lediglich auf ein solches. Genauso wie ihre Produzenten hinter ihr nur vage angedeutet werden, man an eine Subjektivität nicht wirklich herankommt, kann auf die Kommunikations- oder Angebotsoberfläche das Produkt, das meistens selbst in der Herstellung von Kommunikationssituationen besteht, auch nur sehr verallgemeinert und unspezifisch beschrieben werden: Dies ist eine notwendige Grundbedingung, damit das Angebot auf verschiedene Situationen und Kunden übertragbar bleibt.

Umso wichtiger bleibt angesichts solcher Austauschbarkeit die Markenprägung - und hier sind wir wieder bei der "Reinigungskunst", da es keine andere Verbindlichkeit gibt, als das Vertauen in die Kompetenz ihrer Hersteller.

Die Reinigungsgesellschaft hat uns nun eingeladen, ein sehr gewagtes Experiment zu begutachten: Nämlich die Präsentation ihrer Produktpalette ohne die Beschreibung ihrer eigentlichen Servicetätigkeit - nämlich der Kommunikation. Das, was eigentlich um alle diese Bilder herum geschehen ist und die eigentliche Arbeit der REINIGUNGSGESELLSCHAFT ausmacht, nämlich das Gespräch mit Menschen, die Reisen, das Herstellen von Situationen und der Austausch von Information, sehen wir nicht - und es wird auch nirgendwo beschrieben.

Wir sehen also gewissermaßen eine Angebotsbroschüre, aber Text darum herum, durch den die isolierten Bilder gehalten und erläutert werden, ist verschwunden.

Ein Fehldruck? Ob es ein solcher ist, oder nicht, wird sich zeigen.

Die REINIGUNGSGESELLSCHAFT präsentiert sich nicht nur selbst als Unternehmen, sie beschäftigt sich auch noch in ihrer eigenen künstlerischen Arbeit mit Unternehmen, Unternehmenskultur und der Transformation der Gesellschaft von einer "arbeitendenden" Gesellschaft, in eine "nicht-arbeitende", oder zumindest nicht mehr traditionell nach den Regeln des Fordismus arbeitende Gesellschaft.

Was wir hier sehen, sind Bilder, die in verschiedenen Arbeitszusammenhängen der REINIGUNGSGESELLSCHAFT in den letzten 2 Jahren entstanden sind: Von links nach rechts, ich gehe mal von hier aus durch - sehen Sie

Dienstleistung in Japan - zwei junge Frauen an einem Service-punkt der Tokioter U-Bahn

Junge Frauen bei Reinigungsarbeiten - die Künstlerorganisation "Clean Brothers" in Tokio

Arbeiterproteste in Turin 2002 - anlässlich der Aufhebung des Kündigungsschutzes

Ebenfalls in Turin - jubelnde Fans über den Sieg von Juventus Turin

Ein vermeintliches Bewerbungsgespräch in Form einer Bildergeschichte

Einen Mann im Anzug am Fluss

Eine Wohngegend in Columbus, Ohio, deren Gediegenheit erst auf den zweiten blick merkwürdig aufgesetzt wirkt

Einen Fernseher - und Menschen auf Autobahnbrücken in Deutschland, Tschechien und der Slowakei

Und ein Hotel in einem Plattenbau in Bratislava,
eine Tankstelle,
den Strand an der polnischen Ostseeküste
und ein Fabrikschlot, das sich hinter einer Anhöhe verbirgt, und wirkt wie eine alte Lokomotive, die vorüberfährt.

Was verbindet all diese Bilder? Zunächst einmal, dass sich bei den meisten von ihnen sehr schnell die Frage von Schein und Wirklichkeit stellt: Sind die strahlenden Mädchen am Info-Schalter wirklich so gut gelaunt wie es scheint? Ist das Bewerbungsgespräch wirklich ein Bewerbungsgespräch - oder wer verkauft hier was an wen? Die Clean Brothers sind zumindest keine "wirklichen" Reinigungskräfte, sondern eigentlich KünstlerInnen, erfährt man schnell im Gespräch, aber Zweifel stellen sich auch dann bei den ArbeiterInnen und der massiv vorneweg getragenen Gewerkschafts-CI ein - ist die Gewerkschaft vielleicht auch eine Firma? Ähnliche Fragen beschleichen einen natürlich, den das Bild hängt direkt daneben, auch bei den Fans.

Ist der Mann im Anzug am Fluss wirklich ein höherer Angestellter, der seine "work-life-balance" überdenkt und sich die mit diesem Konzept verbundene so wichtige "Auszeit für sich selbst" nimmt? Hier sind wir nun beim Titel der Ausstellung und bei den Videoarbeiten - oder ist er bei einem Bewerbungsgespräch abgeblitzt und sinniert nun weniger über den harmonischen Sinn des Lebensflusses als vielmehr über eine Möglichkeit, diesem ein Ende zu setzen nach? Wer ist hier was - nichts scheint mehr ganz das, was es eigentlich einmal war - und sogar der Strand wird zur Werbefläche. Dies ist das zweite verbindende Moment dieser Bilder - das was man sieht könnte überall stattfinden, der geografische Ort dieser Bilder des fortschreitenden, globalisierenden Kapitalismus - ja, einmal an diesem Abend muss es gesagt werden - ist austauschbar.

Das interessante ist, dass die REINIGUNGSGESELLSCHAFT sich in dieser Ausstellung nicht, wie zum Beispiel in ihrem Projekt "Neue Eliten" provokativ hoffnungsvoll auf das "Tätigsein" als Gegensatz der Erwerbsarbeit im Sinne von Hannah Ahrendt bezieht, also eine positive Umwertung der allenthalben zunehmenden Arbeitslosigkeit versucht, sondern den Blick eben auf das immer noch dominante Prinzip der Erwerbsarbeit richtet, die ja auch immer schwieriger darstellbar wird - und sogar die "Old Economy", also die Industrieproduktion (allerdings in ihrer automatisierten Form), in den Blick nimmt.

Die Maschinen in den computergesteuerten Produktionsprozessen, die wir hier auf den Monitoren sehen vollführen ein anspruchsvolles Ballett wie es scheint, eine Ästhetik wie sie schon den Futuristen zu Beginn des Jahrhunderts so gut gefallen hat, nur das mittlerweile die für den reinen maschinistischen Bildaufbau (auch früher hat man daher schon gern auf Details fokussiert) schwierigen Menschen in diesem Prozess fast vollständig fehlen. Die Arbeiter haben die Fabriken verlassen und delektieren sich, so könnte man meinen, nun in Tai-Chi-Kursen, um frei nach der Lebensreform in einen Einklang von Körper und Natur zu gelangen.

Ganz so nah an der Verwirklichung dieser Utopie befinden wir uns leider nicht - denn die leeren Maschinenhallen finden ihr Pendant in den eben beschriebenen fast karikaturhaften Szenarios von mutmaßlichen Arbeitssituationen an der Wand, in denen die ehemaligen Arbeiterinnen nun mehr oder weniger verzweifelt ihren Platz und eine neue "work-life-balance" suchen. In dieser schönen, neuen Welt sind geregelte Arbeitszeiten verschwunden und die Grenzen zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit unsichtbar geworden und so braucht es nicht nur Regierungskampagnen, die hier versuchen zu vermitteln, wie zum Beispiel die vom britischen Department of Trade and Industry im Jahr 2000 gestartete Kampagne mit gleichem Namen - sondern auch zahlreiche private Dienstleistungsunternehmen, deren Produkt eben genau in der Beratung zur besseren Übereinstimmung von Arbeit und Leben besteht.

Verblüfft nimmt man Angebote wie dieses zur Kenntnis: "Durch hoch-interaktive Lernprozesse meistern die TeilnehmerInnen einfach anwendbare "work-life-balance" Werkzeuge und Fähigkeiten, die es ihnen erlauben, sowohl Projekte wie auch persönliche Beziehungen besser zu managen. Das Ergebnis für den individuellen Teilnehmer sind mehr Kontrolle, Wert und Gleichgewicht sowohl im beruflichen wie auch im privaten."

In Deutschland lautet das Äquivalent folgendermaßen:
Familienservice GmBH: Europäischer Marktführer in Work-Life-Balance, der besseren Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Zu ihrer Produktpalette gehören: Hochflexible Kinderbetreuung, Notberatung, Finanzplanung, Jobtraining, Au-pair-services.

Auch das Ballett der Tai-Chi-Gruppe ist dann auf den zweiten Blick nicht mehr selbstgenügsam und nach innen gekehrt: Wie die meisten von Ihnen wissen, handelt es sich bei Tai-Chi nicht nur um ein jahrhundertealtes chinesisches meditatives Bewegungssystem mit gesundheitsfördernden Aspekten, sondern um eine höchst effektive Kampfkunst, die in China als die Krone der klassischen drei "Inneren Kampfkünste" galt. Interessant ist hier, das es hier laut gängiger Lehrmeinung kaum eine Rolle zu spielen scheint, ob man Tai Chi als Kampfkunst oder Gesundheitssystem übt. Da der Gegner nicht mehr länger nur sichtbar ist, sondern die Kampfzone gewissermaßen quer durch das Individuum verläuft, erreicht der "Schüler mit seinen Übungen immer die gleichen Ziele". Im unklaren Terrain, in dem man nicht länger weiss, auf welcher Seite man sich gerade befindet, ob man eine Firma ist oder eine Privatperson und in welchem Aggregatzustand, ist Tai-Chi also nicht nur ein Bewegungsausgleich zum bewegungsarmen Alltag, sondern wird zum Überlebenstraining im Kampf mit unsichtbaren Gegnern.

Vielleicht ist auch deshalb der Text aus der Produktpräsentation der Reinigungsgesellschaft verschwunden - wir wissen es nicht - und können jedoch vielleicht die Gelegenheit wahrnehmen, sie bei dieser face-to-face Begegnung zu fragen.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen, wo auch immer auf der Skala ihrer work-life-balance sich dieser heutige Anlass befinden mag, einen schönen Sommerabend


"Through highly interactive learning, participants master easy-to-use Worklife Balance tools and skills to better manage both projects and relationships. The outcome for the individual is more control, value and balance both professionally and personally."

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