Bestimmtes Handeln auf unsicherem Terrain
Die neue Rolle der Kunst im Strukturwandel der Arbeitsgesellschaft
Die zunehmende Aufmerksamkeit für Aktivitäten des Kulturbereichs
ist vielerorts, vor allem in strukturschwachen Regionen, ein Weg der neue
Identität stiftet. Allerdings kann dieser ohne finanzielle Konsolidierung
kaum langfristige Perspektiven aufzeigen. Vielmehr besteht die Gefahr einer
Verklärung der Kulturwirtschaft, indem Erwartungen an Kultur vorrangig
unter den Aspekten der Effizienz und Wirtschaftlichkeit betrachtet und bewertet
werden.
Ein Blick auf die Arbeits- und Handlungsbedingungen der Akteure macht deutlich,
wie unsicher deren Situation im täglichen Überlebenskampf zwischen
Selbstbehauptung und Selbstverwirklichung ist. Das angelsächsische Modell
der "Creative Industries" wurde in den 90er Jahren durch die Blairregierung
wirtschaftspolitisch gefördert. Hier wurde das gewinnbringende Potential
einer kreativen Klasse erkannt, die sich in den Metropolen mittels einer vitalen,
sich stets erneuernden Kultur- und Kunstszene und als Dienstleistungsträger
empfiehlt.
Eine hoch industrialisierte postkapitalistische Gesellschaft ist zum stetigen
Wachstum verdammt. Richard Florida beschreibt in "The Rise of the Creative
Class", wie Innovation zu wirtschaftlichem Wachstum führen soll.
Wachsende gesellschaftliche Ungleichheit macht die Klassengesellschaft sichtbar.
Die Kommerzialisierung jener "Creative Professionals" die zur Wissens-
und Kulturproduktion beitragen, beschränkt sie auf ihr wirtschaftliches,
gewinnbringendes Potential. Die Aufwertung, welche die Kreative Klasse aufgrund
ihrer hohen Leistungsbereitschaft und Innovationsfähigkeit erfährt,
verklärt die schwierigen Lebens- und Existenzbedingungen der Akteure,
die sich oft im Prekariat wieder finden. Ganz gleich ob es sich um unbezahlte
Praktika oder die Betreibung nichtkommerzieller Einrichtungen handelt, stets
wird hoher Einsatz und Risikobereitschaft vorausgesetzt.
Durch den Strukturwandel in den westlichen Industriestaaten haben sich vor
allem auch Beschäftigungs- und Arbeitsorganisationsstrukturen verändert.
Besonders sichtbar wird das anhand des ständigen Rückgangs von Normalarbeitsverhältnissen,
die "umstrukturiert und freigesetzt" zu a-typischer Beschäftigung
führt, beispielsweise in Minijobs, Scheinselbständigkeit oder Zeitarbeitsfirmen.
Hier gibt es auch Parallelen zur Kreativen Klasse, deren Interessen kaum gewerkschaftlich
vertreten werden und die nur unzureichend politische Fürsprache erhält.
Die Flexibilisierung hat zur Ausbildung von Patchworkbiografien geführt.
Innerhalb eines Erwerbslebens wird in der Bundesrepublik durchschnittlich
vier mal die Arbeit gewechselt, Tendenz steigend. Man könnte das Leben
der Kreativen auch mit dem Begriff "kultivierte Unsicherheit", einem
Begriff aus der Gestalttherapie umschreiben, das nicht selten wegen fehlender
finanzieller Möglichkeiten für Altersvorsorge in Altersarmut endet.
Das selbst gewählte Modell einer emanzipierten und selbst bestimmten
Lebensführung hat einen hohen Preis. Autonomie bleibt eine Wunschprojektion,
da es ein Leben außerhalb der gesellschaftlichen Bedingungen nicht gibt.
Besonders deutlich wird das Dilemma der Wünsche nach beruflicher Autonomie
an deutschen Kunstakademien, die Kunstschaffende für den Kunstmarkt ausbilden.
Nur ein marginaler Prozentsatz der Absolventen kann nach Beendigung des Studiums
im Kunstbereich eine berufliche Existenz führen. Der Kunstmarkt ist in
seinen Kapazitäten beschränkt. Die Fokussierung auf kunstimmanente
Wissens- und Praxisgebiete führen einer einseitigen Ausrichtung, die
kaum angrenzende oder alternative Arbeitsfelder erschließt. Autonomie
könnte hier neu definiert werden, indem kulturwissenschaftliche, betriebswirtschaftliche
und juristische Grundlagen in der Lehre vermittelt werden, um die beruflichen
Chancen von Absolventen zu verbessern. Neben der ästhetischen und künstlerischen
Ausbildung könnten jene Wissensbausteine auch andere Einsatzmöglichkeiten
eröffnen. Gerade hier liegt ein ungenutztes Potential, dass Möglichkeiten
zum kulturellen und ästhetischen Handeln eröffnet. Neben Einsatzmöglichkeiten
in der Wissensvermittlung, wie in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen
wäre auch die aktive Mitarbeit in verschiedenen Institutionen, Unternehmen
und NGOs denkbar.
Seit einigen Jahren arbeitet die REINIGUNGSGESELLSCHAFT im Themenbereich Kunst
und Wirtschaft. Unter anderem führen wir im Rahmen einer "Lernwerkstatt
Kunst und Wirtschaft" einen langfristigen Dialog über die Aktivierung
von Innovationspotenzialen der Wirtschaft mittels künstlerischer Kompetenzen.
Das Forum bietet eine Plattform zur aktiven Teilnahme und regt nachhaltige
Partnerschaften der Wirtschaft mit bildenden Künstlern an. In einer ersten
Phase wurden im Rahmen von High Level Talks eine Bedarfsanalyse in der Wirtschaft
durchgeführt. Die Gespräche basieren auf einem professionellen Leitfaden
und evaluieren die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit Künstlern. Anhand
der stichprobenartig geführten Interviews in den Bereichen Werbung, Hotellerie,
Verlagswesen, Forschung, Handel und Sicherheit kann die These formuliert werden,
dass in "kunstnahen" und innovationsfreudigen Geschäftsfeldern,
wie Kommunikation und Forschung eine besondere Offenheit für Kooperationen
besteht. Wichtig ist dabei, dass es jenseits der klassischen Formen des Sponsoring
um einen echten Austausch geht.
"Das Eigentliche ist nicht, ein Museum zu besichtigen, sondern zusammen
mit Künstlern zu arbeiten, damit wir die Erfahrung des kreativen Prozesses
haben, bevor die Kunstarbeit fertig ist. Das ist ein anderes Niveau, auf dem
wir profitieren." ((Marino Zerial, Dir. Max-Planck-Institut f. Molekulare
Zellbiologie u. Genetik)
Gesellschaftliches und politisches Handeln - Versuche einer Neudefinierung
Hannah Ahrendt schrieb in Ihrem Buch "Vita Activa" vom tätigen
Menschen und seinen drei Grundtätigkeiten: dem Arbeiten, dem Herstellen
und dem Handeln. Letzteres könnte vor allem im Kulturbereich eine tragende
Rolle spielen, indem dieses Handeln in andere gesellschaftliche Bereiche hineinwirkt
und politisch zu einer bewussten Zivil- und Tätigkeitsgesellschaft beiträgt.
Kulturschaffende müssen nicht mehr als Bittsteller um öffentliche
und private Zuwendungen gesehen werden, wenn jener Bewusstseinswandel zum
Tragen kommt, der gemeinschaftsbildende Möglichkeiten die auf Teilnahme
ausgerichtet sind, erkennt. Jene spartenübergreifende Praxis fällt
oftmals durch die Bestimmungen der Fördersysteme, da Voraussetzungen
nicht erfüllt werden und durch eine prozessorientierte Arbeitsweise der
Ausgang nicht vorhergesagt werden kann. Der Künstler und Kulturschaffende
steht durch sein Handeln nicht mehr allein im Mittelpunkt.
Durch eine integrative Arbeitsweise werden auch kritische Inhalte kommuniziert.
Die Akteure müssen allerdings wachsam bleiben, ihre Unabhängigkeit
wahren, um nicht instrumentalisiert zu werden. Kunst und Kultur können
die strukturellen gesellschaftlichen Aufgaben, die stets im globalen Kontext
zu betrachten sind, nicht lösen. Sie können aber zu einem öffentlichen
Problembewusstsein und durch individuelle und lokale Umsetzungen zu Lösungen
beitragen.
REINIGUNGSGESELLSCHAFT Mai 2008
