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RISIKOGESELLSCHAFT

ein Projekt der REINIGUNGSGESELLSCHAFT

Das Projekt Risikogesellschaft untersucht Zukunftschancen und Lebensperspektiven von jungen Menschen. Sie treten das Erbe einer Gesellschaft an, die sich dessen bewusst wird, dass wirtschaftliche Expansion und Konsum nicht mehr die bestimmenden Entwicklungschancen bieten.
Mit dem Begriff Risikogesellschaft hat der Soziologe Ulrich Beck in seinem gleichnamigen Buch aus dem Jahr 1986 den gesellschaftlichen Wandel von einer Reichtums- hin zu einer Risikoproduktion beschrieben. Dieser Übergang vollzieht sich sowohl auf der Mikroebene der Personen, als auf der Makroebene der gesellschaftlichen und globalen Veränderungen. Er umfasst soziale, ökonomische und politische Dimensionen.

Das Projekt der REINIGUNGSGESELLSCHAFT bewegt sich zwischen sozialwissenschaftlicher Analyse und künstlerisch-, ästhetischer Umsetzung. Zeitgenössische Kunst soll als Katalysator für einen gesellschaftlichen Prozess wirken und eine positive Identifizierung und Rezeption ermöglichen. Jugendliche kommen zu Wort, die kaum oder überhaupt nicht die Bühne des Politischen erreichen. Ihr persönlicher Beitrag steht in Kontrast zu Diskussionen und Entscheidungen über Bildungs- und Berufsperspektiven auf dem Arbeitsmarkt. Die RG zeigt die Ergebnisse als installative Mehrkanalinstallation. Der künstlerische Prozess dient zur Dynamisierung einer öffentlichen Debatte um Bildungs- und Berufschancen.

Im Mittelpunkt des Projektes stehen junge Menschen aus Schwerin und Oldenburg, welche die zehnten Klassen einer Realschule oder eines Gymnasiums besuchen. In einfachen und unmittelbaren Sätzen berichten sie von ihren Zukunftsplänen und Erwartungen.

Die Aussagen wurden in ganztägigen Workshops erarbeitet und aufgenommen. Im Mittelpunkt standen dabei die Wertvorstellungen, welche bei den Jugendlichen bezüglich der Berufswahl, des Lebensmittelpunktes und der sozialen und familiären Bindungen eine Rolle spielen. Die Workshops hatten das Format einer Talenteshow und nahmen damit ein Element aus der medialen Erlebniswelt von Jugendlichen auf. Andy Warhols Paradigma vom fünfzehnminütigen „Ruhm für Jeden“ findet in den medial inszenierten TV-Shows von heute seine Entsprechung. Castingshows wie „Deutschland sucht den Superstar“ simulieren eine eindimensionale Starkultur, versprechen Superlative des Erfolgs, aber erzeugen lediglich eine öffentliche zur Schau-Stellung medialer Peinlichkeit.
Bei den „Castings“ der REINIGUNGSGESELLSCHAFT ging es nicht um die Ernennung einen neuen medialen Superstars, sondern die Schülerinnen und Schüler am Prozess der medialen Inszenierung zu beteiligen. Durch diese Perspektivwechsel veränderten sich auch die Handlungsmuster der Beteiligten. So gab die Jury den Kandidaten vor der Kamera Hilfestellung, geleitet von dem Bewusstsein, früher oder später selbst im Rampenlicht zu stehen.  

Formen der Selbstinszenierung sind für junge Menschen allgegenwärtig. Das belegt beispielsweise der hohe Stellenwert von Profilfotos auf sozialen Netzwerken wie Facebook oder Schüler VZ oder Kleidung und Styling, welche für die Zugehörigkeit zu bestimmten Mainstream- oder Subkulturen stehen.  
Die Statements der Teilnehmer zeigen, wie schwierig es ist, Aussagen nicht normativ, sondern vielschichtig und persönlich zu gestalten. Interessanterweise wurde von der Mehrheit der Schülerinnen und Schüler der Wunsch nach einer festen Beziehung, Familie und Kindern genannt. Der überwiegende Teil sieht in der Heimat  keine Zukunftschancen. Beruflicher Erfolg und materielle Anerkennung hängen in hohem Maße von der Bereitschaft zur beruflichen Mobilität ab. Die Statements machen aber auch ganz persönliche Wunschvorstellungen und Träume von einem verantwortungsvollen Platz in einer gerechteren Gesellschaft deutlich.
Die Gegenwart zeigt, dass es keine festen beruflichen Perspektiven gibt, und die Schwierigkeit daraus stabile soziale und gesellschaftliche Bindungen zu entwickeln. Eine positive Perspektive wäre, dass der Kampf um Selbstbehauptung und Selbstverwirklichung neue Formen des zivilen Ungehorsams hervorbringt, zu deren Grundwerten Toleranz, Solidarität und Partizipation gehören.

REINIGUNGSGESELLSCHAFT 2010 mit Dank an Claudia Schönfeld/Staatliche Kunstsammlungen Schwerin und Edith Ruß Haus für Medienkunst Oldenburg

 

 
 
 
 
 
 
 
 
   
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