English
home
Projekte
Ausstellungen
Texte
Videos
Kataloge/Editionen
Kontakt

 

Leitsystem Zum Neuen
ein Projekt der REINIGUNGSGESELLSCHAFT im ländlichen Raum

REINIGUNGSGESELLSCHAFT entwickelte über sechs Monate gemeinsam mit Bewohnern der 700 Einwohner zählenden Gemeinde Grambow in Nordwestmecklenburg ein partizipatives Kunstprojekt. Es hat zur Aufgabe, ein neues Gemeinschaftsbewusstsein und Handlungsperspektiven anzuregen. Damit soll der Ausdünnung der Region und dem Verlust kommunaler Souveränität im ländlichen Raum entgegengewirkt werden.

Basierend auf einer Umfrage über die Lebensbedingungen und Zukunftsperspektiven im ländlichen Raum entwickelte die RG ein Leitsystem zum Neuen. Es besteht aus Verkehrsschildern, deren Piktogramme auf die Aufgaben der Zukunft verweisen. Ausgehend von strukturellen Herausforderungen wie Klimawandel, demographische Entwicklung, Arbeitsplatzperspektiven und Lebenschancen im ländlichen Raum bietet das Leitsystem Orientierungspunkte zum gesellschaftlichen Handeln.

Das von der RG entwickelte Zukunftsbild bietet einen utopischen Ausblick auf die Veränderungen im Dorf im Jahr 2057.

 

Die Umfrage
Um ein ortsspezifisches Kunstwerk zu schaffen ist es zunächst wichtig, sich nicht nur kennen zu lernen, sondern auch, Themenfelder zu definieren. Mit diesem Ziel wurde von der RG ein Fragebogen erarbeitet, den im März 2009 alle Haushalte in Grambow erhielten.

PDF Download der Umfrageergebnisse

Basierend auf der Umfrage findet am Sonntag, den 26. April 2009 ab 15Uhr eine Ausstellung im Gemeindezentrumstattfinden, bei der die zusammengefassten Ergebnisse besichtigt und diskutiert werden können.

Das Pilotprojekt
Unter der Überschrift "Kunst fürs Dorf - Dörfer für Kunst" rief die Deutsche Stiftung Kulturlandschaft ein Modellprojekt ins Leben. Das Ziel der Stiftung ist die Erhaltung und Entwicklung des ländlichen Raums. Im Rahmen Pilotprojektes sollen Künstler während eines Aufenthaltes auf dem Lande ein Kunstwerk für eine Gemeinde in Mecklenburg-Vorpommern schaffen. Dabei ist der Dialog mit den Bewohnern des Ortes und der Prozess der künstlerischen Arbeit Teil des Projektes. REINIGUNGSGESELLSCHAFT wurde von der Gemeinde Grambow bei Schwerin ausgewählt, um dort ein Kunstprojekt zu entwickeln und umzusetzen.

Das Dorf
Grambow hat 708 Einwohner. Schwerin, die Landeshauptstadt von Mecklenburg Vorpommern, ist nur etwa zehn Kilometer entfernt. Diese Nachbarschaft hat unmittelbare Auswirkungen auf den Charakter des Dorfes.
Seit die Siedlung im 14. Jahrhundert erstmalig erwähnt wurde, stand die Landwirtschaft im Mittelpunkt. Auch nach 1945, als durch Flüchtlinge die Einwohnerzahl sprunghaft anstieg, drehte sich das Dorfleben hauptsächlich um die Bewirtschaftung des Gutes.
Die strukturellen Änderungen nach der deutschen Wiedervereinigung brachten einen einschneidenden Wandel der Lebensbedingungen. Während die Beschäftigung der Dorfbevölkerung in der Landwirtschaft radikal zurückging, setzte eine stetige Arbeitsmigration Richtung Westen ein. Nicht selten pendeln Grambower beruflich 80 bis 100km nach Lübeck oder Hamburg. Gleichzeitig setze die Abwanderung junger Menschen ein, die sich beruflich überregional orientieren müssen.
Parallel zu diesen Entwicklungen verändert sich der Dorfcharakter auch durch eine neu entstandene Eigenheimsiedlung. Deren Bewohner stammen oft aus urbanen Siedlungsräumen und sind beruflich an die Stadt gebunden. Im Zuge dieser Stadtflucht vergrößert sich die Masse der Berufspendler um eine weitere Gruppe. Die Bevölkerungsentwicklung ist trotz dieser Zuzüge insgesamt negativ.
Eine Besonderheit des Ortes ist das nahe gelegene Grambower Moor. Ein Großteil der Hochmoorlandschaft steht bereits seit den 1930er Jahren unter Naturschutz. Um den Artenreichtum des gefährdeten Moorgebietes zu erhalten, wurden v. a. in den 1990er Jahren von ABM Kräften Renaturierungsarbeiten durchgeführt. Das Moor ist ein bedeutender Rastplatz für Kraniche. Die Route der Zugvögel reicht von Skandinavien über die ungarische Hortobágypuszta bis nach Nordafrika. Seit 1998 existiert ein Wappen der Gemeinde Grambow, das drei fliegende Kraniche zeigt.

Erwartungen
Die Vorstandsvorsitzende der Stiftung Kulturlandschaft Frau Dr. Westerwelle hatte in ihrer Rede zum Auftakt des Projektes vom "leisen Sterben auf dem Lande" gesprochen. Es war die Rede von Landflucht, Arbeits- und Perspektivlosigkeit, rechtsradikalen Tendenzen, Strukturproblemen und sinkender Lebensqualität. Gerade in ländlichen Gebieten soll neben dem kulturellen Wert auch der soziale Aspekt der Kunst eine besondere Rolle spielen. Kunst fördert das Gemeinschaftsgefühl der Gemeinde und eine selbstbewusste Identifizierung mit dem Ort und der Region.
Und die Dorfbewohner? Würden sie für einen Kunstbegriff jenseits der herkömmlichen Kategorien offen sein? Schon manchen Vertretern der drei Gemeinden fiel es bei der ersten Vorstellung der künstlerischen Positionen sichtlich nicht leicht umzudenken, und sich von Erwartungen an eher klassische Kunstwerke zu verabschieden.
Unsere Motivation, zu diesem Pilotprojekt beizutragen, ist eher die Neugier auf soziale Zusammenhänge im "strukturschwachen ländlichen Raum". Gemeinsam mit Einwohnern eine künstlerische Thematik zu entwickeln, sehen wir als eine lohnende Aufgabe.

Where is that fucking village? (Erste Begegnung)
Die erste Herausforderung, noch vor der Anreise stellte ein Busfahrplan dar. Wir stellten uns eine ökologiegerechte Ankunft auf dem Lande mittels Bahn und Bus vor. Die Stadt Schwerin ist gut zu erreichen, und zum Dorf wären es nur noch zehn weitere Kilometer. Also kein Problem? Wie wir nach längerem Studium erkennen mussten, gibt es zwar eine Busverbindung, aber nur montags, mittwochs und freitags - und nie am Wochenende. Die Mitfahrt im Schulbus ist wochentags eine andere Option, aber die Februarferien hatten gerade begonnen. Lektion Nummer 1 ist also: Ohne Auto geht es nicht!

Bei der Ankunft liegen in der Küche unserer Gastgeberin zwei frisch geköpfte und auch schon gerupfte Hühner auf dem Küchentisch. Krallenbesetzte Hühnerbeine ragen in die Luft. Zur Begrüßung gibt's eine Einladung zum Essen. Die Unterkunft ist eine Ferienwohnung. Es gibt hunderte von Fernsehkanälen, aber Internet nur über eine DFÜ-Verbindung weil das Dorf keinen Zugang zu schnelleren Internetverbindungen hat.
Beim ersten Rundgang im Ort geht es vorbei an kärglichen Hofwirtschaften und der verwaisten Bushaltestelle zum Gut Grambow. Auf dem Gelände des ehemaligen Landwirtschaftsbetriebes gibt es eine Jagdschule. Dort kann man sich z.B. zur Teilnahme an Großwildjagd in Afrika qualifizieren. Ein Prospekt wirbt beispielsweise mit der Pirsch auf Giraffen oder Zebras. Auf dem Gutsgelände steht auch ein Rinderstall mit ca. 400 Kühen und ein verfallendes Schloss. Das Gut beherbergt auch einen ehemaligen Hofladen zum Verkauf landwirtschaftlicher Produkte. Der wurde aber mangels Kundschaft geschlossen. Auch der einstige Dorfkonsum hat schon vor langer Zeit aufgegeben. Inzwischen ist die nächste Einkaufsmöglichkeit ein Discount-Markt im Nachbarort, erreichbar mit dem Auto. Was mögen die Gründe für dieses "leise Sterben des Einzelhandels" sein? Ist es die Preispolitik der Handelsketten, welche kleine Läden in Bedrängnis bringt, oder wollen die Leute gar nicht im eigenen Ort einkaufen?
Optisch gliedert sich der Ort in das verwinkelte "alte" Dorf und jenseits des Mittelweges in eine seit den 1990er Jahren großzügig angelegte Eigenheimsiedlung in Musterhausoptik. Wo ist das Dorf? Vom Standort der Fertighäuser aus gesehen wird es durch einen begrünten Trümmerberg verdeckt, der beim Abriss alter Gebäude aufgeschoben wurde.
Lektion Nummer 2: Das Dorf verwandelt sich zur Vorstadtidylle.
Einen noch drastischeren Einbruch der Stadt ins bäuerliche Leben schildert übrigens Alexander Osang in seiner Reportage "Wie Bauer Lengfeld über das hochmoderne Gewerbezentrum nachdenkt, dass vor seiner Hoftür aus dem Acker wuchs." (Die stumpfe Ecke - Alltag in Deutschland ; 25 Porträts, Ch.Links Verlag)
Aber auch die (Rück)eroberung der Stadt durch Flora und Fauna wird am Beispiel von Detroit deutlich, wo sich nach dem Niedergang der Industrie im Stadtgebiet stellenweise ländliche Selbstversorgerstrukturen bilden.

In der Mitte von Grambow befindet sich ein Gemeindezentrum. Dort hat die Feuerwehr genauso ihren Sitz, wie Jugendtreff, Bürgermeisterbüro und Gemeindesaal. Der Saal wird einige Tage nach unserer Ankunft zum Ort des ersten Kennenlernens mit den Ortsbewohnern. Im Saal wurden Stuhlreihen aufgestellt. Bürgermeister Piotrowski bürstet deren Sitzflächen persönlich sauber. REINIGUNGSGESELLSCHAFT stellt sich und Beispiele künstlerischer Aktivitäten vor. Nicht nur die Grambower, sondern auch zahlreich angereiste Journalisten sind ein gespanntes Publikum. Im anschließenden Gespräch wird festgehalten, dass das entstehende Kunstwerk vor allem helfen soll, Gemeinsinn und Identifikation im Ort zu fördern. Ein wichtiger Punkt ist auch, dass dafür eine ergebnisoffene Entwicklungsphase notwendig ist, die auch Beteiligung ermöglicht.
Trotzdem stellen Journalisten immer wieder die Frage: Was für ein Kunstwerk soll es denn nun werden?

Dorfkunst
Grambow ist nicht die einzige Gemeinde, die sich am Projekt "Kunst für´s Dorf" beteiligt. Die Düsseldorferin Leni Hoffmann arbeitet in der Gemeinde Ferdinandshof, während der Berliner Rolf Wicker in Lelkendorf aktiv wird. Von Rolf Wicker erhielten wir die erfreuliche Nachricht, dass er die Kunsthalle Lelkendorf ins Leben gerufen hat. Auf 7 bis 8 qm Ausstellungsfläche sollen durch die Kunsthalle und ihre Veranstaltungen Interesse, Neugier oder eben auch Kopfschütteln geweckt werden.
Aber auch außerhalb des Pilotprojektes wird die Rolle von zeitgenössischer Kunst auf dem land ausgetestet oder hinterfragt. Der Frage, welchen Wert Kunst auf dem Dorf hat, ging z.B. schon 2007 die Gruppe junger Künstler SOSKA aus dem ukrainischen Kharkow nach. Sie haben ein Projekt realisiert, bei dem Reproduktionen bekannter westlicher Kunstwerke z.B. der Fotokünstlerin Rineke Dijkstra gegen Kartoffeln, Eier oder ein Huhn eingetauscht wurden.
Unter der Überschrift "Ein Dorf tut Nichts" (www.nichtstun.org) hat sich im Juni 2000 das österreichische Künstlerduo Elisabeth Schimana und Markus Seidl die Aufgabe gestellt, mit Bewohnern eines Dorfes in Oberösterreich zu diskutieren, was es bedeutet, nichts tun und sieben Tage nichts tun. Für ersatzpersonal und Verpflegung wurde gesorgt.
Die Künstlerin Antje Schiffers dagegen zieht als "Hofmalerin" durch die Lande (Niederlande, England, Österreich, Rumänien, Moldavien und Deutschland). Sie schlägt Landwirten einen Tauschhandel vor: Im Gegenzug für ein selbst gedrehtes Kurzvideo über ihr eigenes Leben erhalten die Landwirte ein Ölgemälde von ihrem Hof. (www.ichbingernebauer.eu)

 

SPONSOR: The Project is made possible by the kind support of the Deutsche Stiftung Kulturlandschaft. : http://www. landschafft.info


PROJECT NAME: by courtesy of Konstantin Adamopoulos

 

 
 
Download Pressebilder (300dpi):
Pressebild 01
Pressebild 02
Pressebild 03
Pressebild 04
 
 
 
 
 
 
 
   
zurück