| "Arbeite
mit, Plane mit, Regiere mit!" ist die Überschrift dieser Ausstellung
und die Frage an mich war, ob ich ein Grußwort spreche. Da ist geradezu
die Frage schon so etwas wie eine Provokation, man ahnt, worauf es hinausläuft,
denn das kurze Vorgespräch hat es bereits angedeutet. Ich will versuchen,
aus der Perspektive des Politikers - eine andere kann ich nicht bieten -
ein bisschen die Probleme zu beschreiben und eine Antwort, beziehungsweise
Bruchstücke von Antworten, zu geben.
Wir leben in einer
Situation - ich will nur sagen: "Ihr seid ja auch schwer daran schuld!"
- in der die Menschen sehr verunsichert sind. Eins ist jedenfalls klar,
die Zeit in der Vollbeschäftigung selbstverständlich erschien,
liegt heute in den Gedanken der Menschen weit zurück. Die Zeit, in
der automatisch jedes Jahr das Einkommen gestiegen ist, die Arbeitszeit
kürzer, die Renten immer höher wurden, ist vorbei. Wer genauer
hinsieht weiß, dass diese Entwicklung nicht erst vor ein paar Jahren
eingesetzt hat. Man kann es auch anders sagen: die Steuerungsinstrumente,
die das möglich gemacht haben, die geschlossenen Volkswirtschaften
und die Nationalstaaten, hatten bereits nach dem 2. Weltkrieg ausgedient
- trotz ihrer kurzen Renaissance.
Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und die Römischen Verträge
sind 1957 abgeschlossen worden und damit war klar, dass dies das Ende
zumindest der nationalen Volkswirtschaften in Europa bedeutete. Der gemeinsame
europäische Markt ist schon damals in Bewegung gekommen und nicht
erst vor ein paar Jahren.
Und ebenso ist das Thema der Globalisierung, wenn man genauer hinsieht,
keines, das uns erst in den letzten Jahrzehnten erreicht hat. Es ist in
verschiedenen Schüben mit verschieden starker Ausprägung eigentlich
ein Thema der ganzen Menschheitsgeschichte. Also, wir haben es nicht mit
Neuentwicklungen, sondern nur mit einer gewaltigen Verschärfung des
Tempos dieser Entwicklung zu tun.
Stichwort Internet. Man ist überall erreichbar und zwar in Sekundenbruchteilen.
Nachrichten erreichen einen an jeder Stelle der Welt, und Waren können
transportiert werden an jedes Ende der Welt. Auch die Menschen können
transportiert werden in kürzester Zeit an jedes Ende der Welt; kurzum,
wir leben in einer globalen Welt.
Die meisten Menschen haben Angst vor dieser Welt. Manchmal wird ihnen
diese Angst auch systematisch gemacht. Ich richte mich deshalb sehr kritisch
an einen Teil der Unternehmerverbände, ich sage das ganz ausdrücklich,
denn hier an diesem Projekt ist ja ein Unternehmer beteiligt, der zeigt,
dass es auch anders geht: Ludwig Georg Braun. Mit ihm gibt es eine Reihe
von Unternehmern, die auf eine andere Weise arbeiten. Aber es gibt eben
auch die Wirtschaftsverbände, die ganz systematisch sagen "Machen
wir den Menschen doch ein Stück Angst. Für die Durchsetzung
unserer Interessen ist das besser. Ich teile diese Auffassung ganz nachdrücklich
nicht. Aber es ist so. So ist die Welt, in der wir leben.
Es ist ja auch wahr, dass die Menschen ein großes Maß an Verunsicherung
erleben, dass sie einen verschärften Wettbewerb erleben. Die Zeitungen
sind jeden Tag voll davon. Und auch das ist übrigens nicht neu, nicht
erst eine Entwicklung dieser Tage. Die ersten Verträge zwischen Betriebsleitung,
Betriebsräten und Gewerkschaftsvertretern über Standortsicherung
sind vor 10,15 Jahren abgeschlossen worden und damals schon im Rahmen
internationaler Wettbewerbe.
Die Ursachen sind einfach zu beschreiben. Eine, die inzwischen weltweit
gilt, heißt: alternde Gesellschaft. Das verschärft die ökonomischen
Probleme. Mit dieser Situation haben wir uns überhaupt noch nicht
hinreichend auseinandergesetzt. Was bedeutet es, wenn wir - sehr schön
- immer älter werden und das aber verbunden ist mit immer weniger
Kindern? Gesellschaften, die so handeln, verspielen ihre Zukunft selber.
Der Versuch, den wir mit dem kapitalgedeckten Rentensystem machen, ist,
unsere Alterungsprobleme auf die jungen Leute zu übertragen, denn
um etwas anderes geht es in Wirklichkeit überhaupt nicht. Dieses
Prinzip wird auf Dauer nicht die Lösung des Problems sein. Aber es
könnte vielleicht vorübergehend eine Lösung des Problems
sein. Wir haben hier eine ökonomische Ursache, die wir uns selber
zuzuschreiben haben.
Das andere ist der verschärfte Wettbewerb. Wir stehen eben nicht
nur in einer geschlossenen nationalen Volkswirtschaft im Wettbewerb miteinander,
sondern wir stehen inzwischen zumindest im europäischen Wettbewerb
untereinander. Das merken auch schon diejenigen, die ihre Dienstleistungen
überwiegend im Heimatland anbieten, denn es kommen ja auch Arbeitnehmer
aus anderen Ländern hierher.
Ich möchte ein Beispiel geben, dass auch mir Angst macht und das
ich so nicht akzeptiere.
Die Europäische Dienstleistungsrichtlinie besagt nichts anderes,
als dass jeder in Europa an jeder Stelle in Europa nach den Qualitätsstandards,
die er Zuhause hat, seine Dienstleistungen anbieten kann. Wenn das Wirklichkeit
wird, dann haben wir - in der Tat - ein ausgesprochenes Sozialdumping,
ein ausgesprochenes Qualitätsdumping in Europa und zwar zu unseren
Lasten. Also kann eine solche Dienstleistungsrichtlinie, in der Form jedenfalls,
wie sie die Europäische Kommission vorgelegt hat, ganz sicherlich
nicht akzeptiert werden. Das wäre eine Einbahnstraße nach unten.
Aber klar ist, dass Marktöffnung bedeutet, dass Menschen und Betriebe
mit sehr unterschiedlichen Standards miteinander konkurrieren. Das ist
die Antwort. Oder besser, der Splitter einer Antwort.
Die erste sozusagen aus der Froschperspektive, aus der Perspektive des
Betriebes und der einzelnen Arbeitnehmer.
Wenn wir höhere Preise haben, dann können wir auch künftig
höhere Preise durchsetzen, wenn die Qualität unserer Produkte
und Dienstleistungen besser ist. Wir sind ja nicht nur im Kostenwettbewerb
und im Preiswettbewerb, sondern auch im Qualitätswettbewerb. Deshalb
bin ich manchmal ein bisschen erschrocken, wenn ich den Eindruck bekomme,
dass die Strategien der Unternehmen nur auf den Kostenvergleich abzielen.
Wer sich auf diese Ebene begibt, hat den Weltwettbewerb bereits verloren,
jedenfalls als Hochlohn- und Hochpreisland. Wir können nur gewinnen,
wenn wir unsere Anstrengungen auf die bessere Qualität richten, dann
können wir auch den besseren Preis verlangen. Aber auch nur dann.
Zweitens: Natürlich sind wir auch im Kostenwettbewerb. Es hat überhaupt
keinen Sinn, das zu bestreiten. Ich bin immer dann, wenn die Anderen die
selbe Qualität bieten, aber zu einem geringeren Preis, im Kostenwettbewerb.
Also, beispielsweise die Softwareprogrammierer aus Indien, die heute über
das Internet überall praktisch mit ihre Arbeit zugeschaltet werden
können. Da sind wir auch im Kostenwettbewerb.
Das sind zwei Antworten. Die eine ist, wir müssen immer vorne dranbleiben.
Die andere Antwort ist, wenn und sobald wir das nicht schaffen, sondern
Dienstleistungen Anderer nicht schlechter werden, sondern sogar besser,
sind wir im Kostenwettbewerb. Das ist eine missliche, aber nicht vermeidbare
Entwicklung.
Aber auf der anderen Seite: Die Anderen entwickeln sich ja auch. Indem
sie Fortschritte machen in der Qualität ihrer Produkte, verwandeln
sie auch die Preise für ihre Produkte. Man kann das heute schon in
Osteuropa erkennen und der Porschechef sagt beispielsweise "Ich investiere
gar nicht mehr in ein neues Werk in Osteuropa, denn in 10 bis 15 Jahren
sind dort die Preise die selben wie hier und in der Zwischenzeit habe
ich aber" - und das ist bezogen auf ein ganz spezielles Marktsegment
- "habe ich mit meinem Made in Germany' einen besonderen Vorteil,
nämlich einen Vorteil in den Köpfen der Menschen. Deshalb tue
ich das gar nicht".
Der Hinweis darauf, dass die Anderen mit ihren Kosten natürlich aufholen,
ist ja auch in Ordnung. Staaten sind schließlich unter dem selben
Druck. Wir sind unter dem Druck, dass es steuerwettbewerbsstarke Staaten
gibt. Und zwar zu aller erst gilt dies im Hinblick auf die niedrigsten
Steuern für Unternehmer, nicht für Arbeitnehmer. Weil das sehr
viel wichtiger ist, weil es das übrigens immer war, weil es international
ist. Ich sage das nicht als zynische Bemerkung, sondern nur schlicht als
Beschreibung einer ökonomischen Realität. Die Öffnung der
Märkte wird, wenn es um Globalisierung geht, zuerst von dieser Seite
betrachtet. Dass es andere ökonomische und selbstverständlich
auch kulturelle Aspekte gibt, kommt zu kurz. Das wir das Ganze als eine
ganzheitliche Entwicklung begreifen und steuern müssen, das wird
ja spätestens in dem Augenblick deutlich, wenn wir etwa vom Dialog
der Religionen reden. Die sich plötzlich einander konfrontiert sehen.
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Dann komme ich zu der zweiten Möglichkeit von Antworten. Die eine
ist die sozusagen betriebliche mit den einzelnen Mitarbeitern in den Betrieben.
Da hat sich nicht nur in Deutschland viel getan. Ich war kürzlich
bei einer Jubilarehrung. Das waren alles Aktive bei Daimler Chrysler.
Sie definieren sich selbst, Mitarbeiter genauso wie die Werksleitung,
so, dass sie sagen: "Wir wollen mit unseren Produkten einen ständigen
Verbesserungsprozess machen auf diese Weise sichern wir unsere Position
im Konzern. Auf diese Weise sichern wir unsere Position am Weltmarkt".
Ich kenne eine große Anzahl von Betrieben in Deutschland, die äußerst
wirksam und erfolgreich agieren. Es ist nicht wahr, dass bei uns alles
nur noch abgezogen wird. Wir sehen solche Beispiele und wir sehen dagegen,
wie im Fall von Opel, die Konzernkrise stärker durch Managementfehler
verursacht wird als von externen Rahmenbedingungen. Die [?] Hanau ist
die weltweit beste Reifenfabrik und die haben im Konzern kein Probleme
mit Standortverlagerung, sondern wenn es Verlagerung gibt, dann gibt es
Produktionsverlagerung dorthin. Auch das geht. Es ist nicht so, das, erfolgreiche
Strategien nicht zu beobachten wären.
Und die andere Antwort wäre sozusagen aus der Vogelperspektive zu
geben.
Wenn die Nationalstaaten der sichere Hafen nicht mehr sind, weil die Grenzen
inzwischen ohne Bedeutung sind, weil wir viel größere Märkte
haben, dann müssen wir politische Regelungen entsprechend der Reichweite
der Märkte finden. Und das heißt dann eben politische Gestaltung
der Einigung Europas. Deswegen ist von zentraler Bedeutung, dass das Demokratiegefüge
in Europa, das heißt das Europa-Parlament eine ganz andere Bedeutung
bekommt.
Das darf man nicht als Bedrohung, sondern als Schutz für die Menschen
begreifen. Denn auch von dieser Seite kommen enorme Normsetzungen für
ganz Europa. Das werden nicht immer unserer Normsetzungen sein. Ich will
ein Beispiel herausgreifen. Wenn wir über das europäische Sozialmodell
reden, reden wir auch über Mitbestimmung. Aber wenn sich nicht einmal
die europäischen Gewerkschaften völlig einig sind in diesem
Punkt, darf man sich nicht wundern, wenn ein solches Model unter Druck
gerät. Das heißt, die selben Fragen, die wir bei der deutschen
Einigung im 19. Jahrhundert diskutiert haben, werden im 21.Jahrhundert
in Europa diskutiert. Wo sind die europäischen Wirtschaften, wo sind
die europäischen Parteien? Wie weit ist ihr Einigungsprozess gediehen,
damit es - und das heißt ja eigentlich Integration -den denkbar
besten Erfolg hat. Sonst funktioniert die Gestaltung unseres Zusammenlebens
in einer Reihe von Sozialfragen nicht. Denn dann werden wir neue Normsetzungen
bekommen, die nicht aus den Normsetzungen des Marktes resultieren, sondern
die auf demokratischen Abstimmungen basieren.
Ein Beispiel wie man sich gegen Steuerwettkampf in Europa wehrt ist, dass
wir in Europa - Deutschland allen voran - dafür kämpfen, dass
wir eine gemeinsame Besteuerung der Unternehmen bekommen. Und nicht 25
verschiedene Systeme, was bei einem gemeinsamen Markt selbst aus Sicht
der Unternehmen keinen Sinn macht. Von einzelnen Ländern, aber, wird
es als Wettbewerbsvorteil gesehen und nicht als Gefahr von Steuerdumping
begriffen.
Also brauchen wir - man sieht das sofort - mehr Europa und nicht weniger,
wenn wir die Problemen im Sinne einer vernünftigen Steuerung, einer
sozialvernünftigen Steuerung lösen wollen. Nicht anders ist
das dann, wenn ich über Globalisierung rede. Regionale Integration
ist ein Element der Globalisierung. Denn Globalisierung ist ein Element
der Gestaltung. Man kann nicht den zweiten Schritt vor dem ersten tun.
Also regionale Integration ist ein erster Schritt und globale Integration
ist ein zweiter. Wir haben ja viele Organisationen. Die Frage ist nur,
wie effektiv die sind?
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Die vereinten Nationen unterhalten verschiedene Unterorganisationen und
unternehmen damit den Versuch, einen politischen, völkerrechtlichen
Rahmen für den Prozess zu gestalten. Ein Beispiel für solche
Unterorganisationen, sind Arbeitsorganisationen, die Arbeitnehmerrechte
überall durchsetzen. Es gehört zur Charta der Vereinten Nationen,
dass verlangt wird, dass freie Gewerkschaften überall tätig
sein können. Oder die Welternährungsorganisation, die Standards
in diesem Bereich setzt. Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, die
Welthandelsorganisation, die einen fairen Welthandel erreichen will. Die
neue Verhandlungsrunde läuft ja gerade. Das sind spannende Sachen,
auf die ich in unserem Zusammenhang hinweisen will, wenn wir, die entwickelten
Länder, verlangen, dass zu den Standards im freien Welthandel auch
soziale Standards gehören. Dass zum Beispiel Kinderarbeit verboten
wird, dass mit Produkten nicht gehandelt wird, die durch Kinderarbeit
entstanden sind, entsteht etwas ganz erstaunliches.
Wir glauben, wir seien die Anwälte der Kinder in den Entwicklungsländern.
Wir haben aber die Entwicklungsländer gegen uns mit dieser Debatte.
Sie sagen: "Was macht ihr da eigentlich? Unter dem Aspekt des Sozialschutzes,
sperrt ihr unsere Waren aus euren Märkten aus. Ihr hattet doch auch
Kinderarbeit. Solange ist das ja auch noch nicht her". Ich will das
nicht rechtfertigen, ich will nur sagen, in welche Zusammenhänge
man gerät, wenn man über solche Debatten spricht. Das heißt,
die Organisationen sind da, aber ihre Durchsetzungsfähigkeit reicht
nicht.
Und es gibt deshalb auch andere Antworten. Eine andere Antwort ist, der
freiwillige Zusammenschluss, nicht im Sinne eines völkerrechtlichen
Zusammenschlusses, sondern eines Zusammenarbeitens. Die bedeutendste,
die wir jetzt haben ist die
G 20. Das sind die größten Schwellen- und Industrieländer
der Erde, die zusammen über 90% des Weltsozialproduktes repräsentieren.
Wir hatten kürzlich Jahresversammlung in Berlin, weil dieses Jahr
Deutschland den Vorsitz hatte. Da entstand ein Konsens in der Frage, wie
nachhaltiges und stabiles Wachstum zu organisieren ist, inklusive der
sozialen Fragestellung. Das steht jetzt in dem in Berlin verabschiedeten
Konsens ausdrücklich drin.
Dort heißt es, dass Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen
ein Wachstumshindernis ist. Etwas, das insbesondere die Brasilianer und
Südafrikaner in den Konsens hinein haben wollten. Wer diese Länder
kennt, weiß, dass dort die extreme Ungleichverteilung von Reichtum
ein ganz besonders gravierendes Problem ist. Dass das plötzlich für
alle Bereiche zum Entwicklungshindernis wird. Oder wenn die G 20 sagt:
"Wir beschließen für uns Standards, die die Finanzmärkte
regeln können und die wir einhalten. Anschließend versuchen
wir, das nennt man dann leading by example', diese auch jeweils
in unserer Weltregion als Standards durchzusetzen". Dann würde
- was heute erstaunlicherweise auf der ersten Seite der HNA [Hessische
Niedersächsische Allgemeine] Platz gefunden hat - so etwas wie das
Bankgeheimnis - als Schutz zur Steuerhinterziehung - nicht mehr weltweites
Beispiel sein.
Jeder, der sich mit diesen Fragen beschäftigt, weiß, dass die
Steuerflucht ein großes Problem ist. Weltweit wurde gerade wieder
ein Report vorgelegt: 50 Milliarden Dollar verlieren die Schwellenländer
jedes Jahr durch Steuerflucht. Wenn man das unterbinden könnte, müssten
wir über die Verdopplung der Entwicklungshilfe gar nicht mehr reden.
Weil das Problem durch das Kapital im eigenen Lande gelöst werden
könnte. Und vernünftigerweise auch gelöst würde. Also,
das sind Fragen, die sozusagen von oben verhandelt werden, von den Staaten
her. Bevor die Weltorganisationen die Verfahren bündeln, müssen
die großen Staaten gemeinsam handeln und sie tun das auch. Dass
das noch nicht ausreicht, wundert nicht. Das weiß ich auch. Aber
ich wollte damit deutlich machen, dass es eine Perspektive von unten gibt.
Es gibt eine ganze Bündelung von Initiativen der Zusammenarbeit auf
stattlicher Ebenen und der internationaler Organisationen, die dabei sind,
diesen Prozess zu gestalten.
Und ich will eine letzte Bemerkung machen, die besonders aus meinem Mund
kommend, dem ein oder anderen vielleicht Mut macht. Ich möchte etwas
Positives über globale Konzerne vor dem Hintergrund internationaler
Konzerne sagen. Es gibt solche und solche, aber ich nehme mal ein Beispiel,
dass ich mir kürzlich in Südafrika angesehen habe. Das war BMW,
ein deutscher Konzern. Deutsche Konzerne sind diesbezüglich in der
Regel besser als viele andere. Sie haben, weil sie Mitbestimmung haben,
auch Betriebräte und zwar überall. Sie können das nämlich
gar nicht auf Deutschland beschränken und sie können es auch
nicht nur auf Europa beschränken. Es gibt da nämlich noch die
Zusammenarbeit der Betriebsräte weltweit und die treffen sich jedes
Jahr. Das heißt, da werden deutsche Normen - zwar nicht eins zu
eins übertragen - aber innerhalb des Konzerns werden sie weltweit
angewandt und das steckt natürlich an. In allen beteiligten Ländern
muss die gleiche Qualität in den Produktionsstätten eingehalten
werden. Denn nur dann ist die Produktqualität einheitlich, egal ob
das Auto in Südafrika oder in Deutschland hergestellt wird. Sie können
sich vorstellen, dass da hinter auch noch was ganz anderes steckt.
Das Ausbildungsniveau der Arbeitnehmer ist in Südafrika ein ganz
anders als in Deutschland, das bedeutet, dass das Unternehmen selbst dort
eine gewaltige Anstrengung für die Ausbildung der Mitarbeiter machen
muss. Das ist ganz anders als bei uns. Bei uns gehe ich davon aus, dass
ich das von den Berufsschulen und Hochschulen geliefert bekomme. Aber
in Südafrika, kriegen sie das natürlich überhaupt nicht
von Schule oder Hochschule geliefert, sondern müssen es selber machen.
Das heißt, da entstehen dann ganz andere Bildungsniveaus, aber auch
ganz andere Kostenniveaus. Mit anderen Worten: der Kostenunterschied zwischen
Südafrika und Deutschland ist gar nicht so groß. Der Anreiz
dort zu investieren, liegt weniger darin, dass die Kosten niedriger sind,
als das man direkt am Markt ist. Und deswegen einen Vorteil hat, sein
eigenes Produkt auf diesem Markt besser abzusetzen zu können. Weil
man es dort als südafrikanisches Produkt produziert und direkt für
den südafrikanischen Markt ausrichtet. Also, Konzerne, die weltweit
aktiv sind - wenn man auch einiges negativ über sie sagen kann -
können auch in vielen Fällen Standardsetzer sein und zwar durchaus
in unserem Sinne. Da schließt sich dann wieder der Kreis und darin
bin ich völlig traditionalistisch.
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Wer eine Welt will, in der nicht die Marktländer alles bestimmen
- was im übrigen auch nicht sehr erfolgreich sein muss - sondern,
in der Gesetze den Markt soweit regulieren, dass die Antworten auch sozial
sind, dass die Antworten auch umweltverträglich sind, der muss für
politische Organisationen in der Reichweite eben dieser Märkte sorgen.
Und der muss, wenn er Arbeitnehmer ist, auch für die entsprechenden
Organisationen sorgen. Denn selbstverständlich - man kann ja gegen
die Gewerkschaften sagen, was man will, ob sie immer alles richtig machen
wird bezweifelt - aber man kann auf solche Organisation im Interesse der
Arbeitgeber überhaupt nicht verzichten. Das steht für mich völlig
außer Frage. Am Beispiel von privaten deutschen Konzernen wollte
ich deutlich machen, das soziale Standards, die in Wien erkämpft
worden sind, exportiert werden können.
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Ich komme zurück zu Henrik Mayer und Martin Keil.
Ich habe sehr wohl verstanden, wie kritisch Ihr Ansatz ist. Ich finde
das richtig, weil diese Fragen so gestellt werden müssen. Aber ich
wollte ein paar Versatzstücke von Antworten liefern, die vielleicht
ein bisschen gegen den herrschenden Pessimismus reden. Denn dazu gibt
es keinen Grund. Wir haben heute längst begriffen, dass die deutsche
Einigung im 19. Jahrhundert gut und nicht schlecht war - im Wesentlichen
jedenfalls. Das die europäische Einigung gut und nicht schlecht ist,
denn sie steht für die Anwesenheit von Verträgen und die Abwesenheit
von Kriegen. Jedenfalls zwischen europäischen Staaten.
Das kann auch in der Globalisierung nicht verkehrt sein, muss aber gestaltet
werden. Und zwar im Interesse der Menschen, von denen Henrik Mayer und
Martin Keil reden, wenn sie in ihrem Exposée sagen, dass die Menschen
mitgestalten sollen. Ich wollte mit meinem Beitrag sagen, dass dies geht,
aber nicht so einfach, wie man sich das so denkt, sondern, dass es ein
vielfältiger und widersprüchlicher Prozess ist. Aber einer,
den wir auf's Ganze gesehen - da bin ich ganz optimistisch - mit Beteiligung
gestalten werden können.
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