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Der Heimatverein wird zur Avantgarde - Globalisierung im Urstromtal

Re-viewing "Glück Auf Europa!"

Im Winter 1999 realisierte die Projektgruppe REINIGUNGSGESELLSCHAFT das Videoprojekt "Glück Auf Europa!". Der 20minütige Film stellt die Frage, welche Wertvorstellungen eine traditionelle Region wie das Erzgebirge in ein größer werdendes, zukunftsorientiertes Europa einbringen kann. Während der Dreharbeiten wurden Interviews mit Menschen aus der Region durchgeführt, die auf ihre Weise typische lokale Strukturen repräsentieren. Im Mittelpunkt stehen traditionell gewachsene Wertvorstellungen und Tugenden, die auf ihre aktuelle Tauglichkeit untersucht werden.
Europa kommt! Was wird es seinen Bewohnern bringen? Den damaligen, vorwiegend unbestimmten, dennoch positiven Erwartungen an die Zukunft stehen heute, fünf Jahre später reale Erfahrungen gegenüber. Zunächst musste mit der Einführung der gemeinsamen Währung Vertrauen in größere wirtschaftliche Zusammenhänge aufgebracht werden. Hoffnungen auf ökonomischen Aufschwung, mehr Arbeitsplätze und ein Stop der Abwanderung haben sich als trügerisch erwiesen.
Eine weitere Veränderung ist inzwischen Wirklichkeit. Das Erzgebirge, damals an der EU Außengrenze ist nun mit dem Beitritt der Nachbarstaaten kein Randgebiet mehr, zumindest geografisch gesehen. Die Einwandererfrage aber bleibt. "Etwa 10.000 illegale Einwanderer wurden in den vergangenen Jahren jährlich an der deutsch-polnischen und der deutsch-tschechischen Grenze aufgegriffen. Die Tendenz ist nach wie vor steigend. Viele der Flüchtlinge kommen aus Asien, der Kaukasusregion oder auch den GUS-Staaten. Asylbewerber, die über EU-Länder nach Deutschland einreisen, können sofort zurückgeschickt werden. Wenn sie auf dem Landweg kommen, dann haben sie nahezu gar keine Chance mehr, in Deutschland aufgenommen zu werden. Denn in Deutschland gilt die so genannte "Drittstaatenregelung": Flüchtlinge, die aus einem Land kommen, in dem ihnen keine politische Verfolgung droht und aus dem sie nicht ohne weiteres in ihr Heimatland abgeschoben werden können, werden abgewiesen. Das vereinigte Europa ist von Sicherheitszäunen, Patrouillen, Infrarotsystemen umgeben und fordert Opfer unter denen, welche die Barrieren zu Land oder über das Mittelmeer zu überwinden versuchen." (1) Hat die heutige Lebensgefühl in der "Festung Europa" (2) nicht auch etwas mit dem zu tun, was wir als Selbstwahrnehmung der DDR - Bürger gewohnt waren?

"Glück Auf!"grüßt traditionsgemäß das Erzgebirge im Bergmannsgruß das expandierende Europa. Vertrauen in und Hoffnung auf das Neue und Unbekannte werden konfrontiert mit einem von Alltagsproblemen durchzogenen Bild. Seit dem Mittelalter galt die raue und bizarre Gebirgslandschaft des Erzgebirges als Schatzgrube und bescherte den sächsischen Fürsten, Königen und Städten durch den Silberbergbau Wohlstand, Reichtum und Fortschritt. Auch in den folgenden Jahrhunderten sicherte der Bergbau das Überleben zahlreicher Generationen. Seit dem 19. Jahrhundert war der Bergbau weniger ergiebig, so dass viele Bergleute mit ihren Familien andere Erwerbsquellen erschließen mussten. Das war die Geburtsstunde des holzverarbeitenden Handwerks, das zur Entstehung des heute so typischen weihnachtlichen Brauchtums führte.
Die fesselnde Winterreise ins Erzgebirge lässt Menschen zu Wort kommen, die eng mit ihrer Region verbunden sind: Ein passionierter Nussknackersammler ist Rekordinhaber des weltgrößten funktionsfähigen Nussknackers. Der Bob und Rodelnachwuchs strebt nach olympischem Erfolg. Ein Konditorlehrling klärt über die Kunst des entspannten Lebensgenusses auf. Ein Familienunternehmen produziert auch in Krisenzeiten Räucherkerzen. In der Grenzwald-Destillation kann man nicht nur der Herstellung von Vogelbeerlikör beiwohnen, sondern auch etwas über den Wert der Beständigkeit erfahren. Ein ehemaliger Bergbauingenieur fördert im Bergwerk "Frisch Glück" so manches uranverstrahlte Kapitel der Geschichte zu Tage. Ein Bürgermeister philosophiert mit der frisch gebackenen Schönheitskönigin an seiner Seite über erzgebirgisches Brauchtum. Die Handlung wird begleitet durch eine Moderation, die wie eine verkaufsanimierende Werbekaffeefahrt zu regionalen Sehenswürdigkeiten wirkt.
Im Mittelpunkt stehen selbstbewusst jene regional verankerten Menschen, die sich den neuen politischen und wirtschaftlichen Anforderungen im europäischen Einigungsprozess stellen, trotz des Niederganges vieler Produktionsbetriebe seit den frühen 90er Jahren.

"Je geringer die Aussichten auf wirtschaftliche Wiederbelebung, desto kühner die Spekulation auf touristische und museale Zweitnutzung der funktionslos gewordenen Landschaft. Touristische Rettungsversuche sind selbstwidersprüchlich, letztlich paradox. Sie werben mit dem Reiz der Landschaft, mit der Schönheit der Städte und zerstören sie in genau dem Maße, in dem die Werbung Erfolg hat, Menschen in großer Zahl anzieht; spricht sich dieses Paradox endgültig herum, hat sich die Methode erschöpft.
Die Mumifizierung und Musealisierung von Restbeständen der jüngeren Industrie- und Wirtschaftsgeschichte, in den letzten Jahrzehnten inflationär betrieben, hat in Ostdeutschland beinahe etwas Masochistisches. Sie konfrontiert die Einheimischen, die keine neue, auf die Zukunft ausgerichtete Bestimmung finden, tagtäglich mit der Vergangenheit, wenn nicht sogar unmittelbar mit ihrer eigenen, aus der sie soeben vertrieben wurden." (3)

Als Überlebensstrategie werden Tugenden wie Sparsamkeit, Fleiß, Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit ans Tageslicht gebracht. Tugend lässt sich vom Begriff ‚taugen' ableiten und bedeutet soviel wie Tauglichkeit, Eignung und Qualifikation. Bei jenen Tugenden handelt es sich nicht um die lutherischen Kardinalstugenden. Aristoteles beschrieb Tugend als die Mitte zwischen Zuviel und Zuwenig. Er betrachtete zwei Arten von Tugenden als spezifisch menschlich: die des Verstandes und die des Charakters. Jene Eigenschaften haben sich als Wertvorstellungen über viele Generationen entwickelt und sich in Krisenzeiten als besonders resistent erwiesen. Es bleibt zu hoffen, dass sich jene Eigenschaften mit politischer und wirtschaftlicher Glaubwürdigkeit verbinden und zum Handeln führen. Niklas Luhmann beschrieb die Beziehung zwischen Werten und Handeln wie folgt:"Wenn es um Handeln geht, wird der Wert in das semantische Absicherungssystem der Motivation aufgenommen. Man sieht dann in der festgelegten Perspektive besser (deutlicher, tiefer, auch weiter in die Zukunft), aber man setzt sich genau damit auch der Beobachtung durch andere aus. Werte sind keine Konsensformeln, sondern regen im Gegenteil zur kritischen Beobachtung des Beobachtens an." (4)


REINIGUNGSGESELLSCHAFT 2004

(1) Ingun Arnold "Asyl, - eine vergebliche Suche?" dw-world.de 2004

(2) Alice Creischer/Andreas Siekmann, Atlas -Spaces in Subjunctive - Kunstraum der Universität Lüneburg 2004, S.28/29

(3) Wolfgang Engler "Die Ostdeutschen als Avantgarde" Aufbau Verlag 2002, S. 124

(4) Niklas Luhmann "Protest-Systhemtheorie und soziale Bewegungen" Suhrkamp 1996, S. 94

 

 

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