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Der Heimatverein wird zur Avantgarde - Globalisierung im Urstromtal Re-viewing
"Glück Auf Europa!" Im Winter
1999 realisierte die Projektgruppe REINIGUNGSGESELLSCHAFT
das Videoprojekt "Glück Auf Europa!". Der 20minütige
Film stellt die Frage, welche Wertvorstellungen eine traditionelle
Region wie das Erzgebirge in ein größer werdendes,
zukunftsorientiertes Europa einbringen kann. Während
der Dreharbeiten wurden Interviews mit Menschen aus der Region
durchgeführt, die auf ihre Weise typische lokale Strukturen
repräsentieren. Im Mittelpunkt stehen traditionell gewachsene
Wertvorstellungen und Tugenden, die auf ihre aktuelle Tauglichkeit
untersucht werden. "Glück
Auf!"grüßt traditionsgemäß das
Erzgebirge im Bergmannsgruß das expandierende Europa.
Vertrauen in und Hoffnung auf das Neue und Unbekannte werden
konfrontiert mit einem von Alltagsproblemen durchzogenen Bild.
Seit dem Mittelalter galt die raue und bizarre Gebirgslandschaft
des Erzgebirges als Schatzgrube und bescherte den sächsischen
Fürsten, Königen und Städten durch den Silberbergbau
Wohlstand, Reichtum und Fortschritt. Auch in den folgenden
Jahrhunderten sicherte der Bergbau das Überleben zahlreicher
Generationen. Seit dem 19. Jahrhundert war der Bergbau weniger
ergiebig, so dass viele Bergleute mit ihren Familien andere
Erwerbsquellen erschließen mussten. Das war die Geburtsstunde
des holzverarbeitenden Handwerks, das zur Entstehung des heute
so typischen weihnachtlichen Brauchtums führte. "Je
geringer die Aussichten auf wirtschaftliche Wiederbelebung,
desto kühner die Spekulation auf touristische und museale
Zweitnutzung der funktionslos gewordenen Landschaft. Touristische
Rettungsversuche sind selbstwidersprüchlich, letztlich
paradox. Sie werben mit dem Reiz der Landschaft, mit der Schönheit
der Städte und zerstören sie in genau dem Maße,
in dem die Werbung Erfolg hat, Menschen in großer Zahl
anzieht; spricht sich dieses Paradox endgültig herum,
hat sich die Methode erschöpft. Als Überlebensstrategie werden Tugenden wie Sparsamkeit, Fleiß, Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit ans Tageslicht gebracht. Tugend lässt sich vom Begriff taugen' ableiten und bedeutet soviel wie Tauglichkeit, Eignung und Qualifikation. Bei jenen Tugenden handelt es sich nicht um die lutherischen Kardinalstugenden. Aristoteles beschrieb Tugend als die Mitte zwischen Zuviel und Zuwenig. Er betrachtete zwei Arten von Tugenden als spezifisch menschlich: die des Verstandes und die des Charakters. Jene Eigenschaften haben sich als Wertvorstellungen über viele Generationen entwickelt und sich in Krisenzeiten als besonders resistent erwiesen. Es bleibt zu hoffen, dass sich jene Eigenschaften mit politischer und wirtschaftlicher Glaubwürdigkeit verbinden und zum Handeln führen. Niklas Luhmann beschrieb die Beziehung zwischen Werten und Handeln wie folgt:"Wenn es um Handeln geht, wird der Wert in das semantische Absicherungssystem der Motivation aufgenommen. Man sieht dann in der festgelegten Perspektive besser (deutlicher, tiefer, auch weiter in die Zukunft), aber man setzt sich genau damit auch der Beobachtung durch andere aus. Werte sind keine Konsensformeln, sondern regen im Gegenteil zur kritischen Beobachtung des Beobachtens an." (4)
(1) Ingun Arnold "Asyl, - eine vergebliche Suche?" dw-world.de 2004 (2) Alice Creischer/Andreas Siekmann, Atlas -Spaces in Subjunctive - Kunstraum der Universität Lüneburg 2004, S.28/29 (3) Wolfgang Engler "Die Ostdeutschen als Avantgarde" Aufbau Verlag 2002, S. 124 (4)
Niklas Luhmann "Protest-Systhemtheorie und soziale Bewegungen"
Suhrkamp 1996, S. 94
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