German Open - Gegenwartskunst in Deutschland
13.11.1999 - 26.03.2000
Kunstmuseum Wolfsburg
mit Franz Ackermann, Kai Althoff, John Bock, Simone Böhm,
Cosima von Bonin, Marc Brandenburg, Matti Braun, Sunah Choi,
Peter Dittmer, Olafur Eliasson, Stefan Exler, Christian Flamm,
Peter Friedl, Alexander Györfi, Elmar Hess, Stefan Hoderlein,
Christian Hoischen, Christian Jankowski, Stefan Kern, Andree
Korpys/Markus Löffler, Michel Majerus, Maix Mayer, Jonathan
Meese, Max Mohr, Manfred Pernice, Daniel Pflumm, Peter Pommerer,
Neo Rauch, Tobias Rehberger, REINIGUNGSGESELLSCHAFT, Daniel
Richter, Gregor Schneider, Tilo Schulz, Heidi Specker, Silke
Wagner, Johannes Wohnseifer, Joseph Zehrer
German Open ist der Versuch einer Bestandsaufnahme zur Gegenwartskunst
in Deutschland. Gerade in den letzten Jahren hat sich hier
eine Künstlergeneration hervorgetan, die selbstbewusst,
experimentierfreudig und vor allem überaus energiegeladen
ist. Vergleichbar mit der jungen britischen Kunstszene zu
Beginn der 90er Jahre, die das Kunstmuseum Wolfsburg 1996
mit der Ausstellung Full House" würdigte,
trägt diese Ausstellung den Strömungen, Interessen
und Leidenschaften der aktuellen Kunst Rechnung. Auch bei
Sunshine and Noir - Kunst in Los Angeles 1960-1997"
stand die Untersuchung einer künstlerischen Szene im
Mittelpunkt. Der Querschnitt aus fast 40 Jahren, der Vergleich
historischer mit ganz aktuellen Positionen verdeutlichte das
Spezifische der West Coast.
German Open zeigt Arbeiten von 37 Künstlerinnen und
Künstlern, die in Deutschland ihren derzeitigen Lebensmittelpunkt
haben. Es ist das Fazit einer einjährigen Reise, einer
intensiven Recherche mit vielen Atelierbesuchen, Gesprächen
und Diskussionen. Die gesamte Ausstellung, künstlerische
Nachbarschaften und die Inszenierung entstand in enger Zusammenarbeit
mit den KünstlerInnen.
Die politischen Entwicklungen der späten 60er und 70er
Jahre, Studentenunruhen, RAF, Woodstock und Vietnamkrieg bestimmten
zwar das Wirklichkeitsfeld der meisten der beteiligten Künstlerinnen
und Künstler, doch haben sie an diesen historischen Ereignissen
nicht aktiv teilgenommen, sondern kennen sie nur aus Erzählungen
oder medial vermittelt. Viele beziehen sich aber in ihren
Arbeiten auf diese Vergangenheit. Unmittelbar erfahren haben
sie dagegen Wiedervereinigung, Globalisierung, WorldWideWeb
und Techno, genauso wie 16 Jahre politische Sozialisation
durch die Regierung Helmut Kohl.
Die künstlerischen Hinterlassenschaften, die die heutige
Generation prägt, stammen vor allem aus den 60er und
70er Jahren, mit Happening, Concept Art, Performance, Installation
und Videoexperiment. Doch müssen diese Errungenschaften
heute nicht mehr nur kritisch befragt, sondern können
spielerisch variiert und wiederbelebt werden. Ohne Scheu und
schlechtes Gewissen wird Vergangenes mit Gegenwärtigem
verwoben.
Übergreifend werden andere Disziplinen wie Musik, Wissenschaft,
Architektur oder Design an die Kunst angedockt. Historische
Fakten und individuelle Gegenwartserfahrungen sind gleichermaßen
Grundlage für den Arbeitsprozeß.
Künstlerinnen und Künstler machen wie selbstverständlich
von den Möglichkeiten einer inhaltlichen oder formalen
Vereinnahmung jedweden Materials Gebrauch. Alles ist mit allem
kompatibel und immer neu disponierbar. Definitionen, Bestimmungen
und Hierarchien werden aufgeweicht. Die Arbeiten sind als
offenes System angelegt, das sich gegen eine als ideologisch
verstandene Abgeschlossenheit wendet.
Eine Offenheit, die sich auch in den künstlerischen
Ausdrucksmittel widerspiegelt. Malerei, Fotografie, Film oder
Video, Installation und Performance können nebeneinander
eingesetzt und miteinander kombiniert werden.
Der Zugriff auf elektronische Gestaltungswerkzeuge und digitale
Informationskanäle war nie einfacher und selbstverständlicher
als jetzt. Die Gegenwartskunst kann und will dies nicht ignorieren.
Fotografien werden am Computer bearbeitet, Fernsehnachrichten
werden manipuliert und gesampelt, Werbebotschaften und Displays
werden imitiert und als Informationsdesign oder als Logokultur
in die Kunst integriert genauso wie interaktive Programme,
die den Betrachter einbeziehen.
Die Freiheit in der Wahl und Verwendung formaler Mittel,
bedeutet aber auch, daß Zeichnung, Malerei, Skulptur
oder Fotografie sich selbst genügend ihren Platz behaupten
kann.
Heutige Kunst folgt nicht mehr ausschließlich dem Ideal
vom einzig gültigen Masterpiece. Die alleinige Autorenschaft
wird teilweise oder ganz aufgegeben. Koproduktionen sind keine
Seltenheit. Künstlerkollegen, Kunstvermittler, Freunde
und Bekannte werden in den künstlerischen Prozeß
mit eingebunden, auch der Betrachter und Rezipient bleibt
nicht außen vor. Es entstehen Projekte, die ausschließlich
im Feld der Vermittlung angesiedelt sind. Im Gegensatz zur
traditionellen Rolle wird der Künstler zum Anbieter von
Dienstleistungen.
Vielfach agieren KünstlerInnen nebenbei als Musiker,
DJs oder Komponisten. Musik ist heute allgegenwärtig
und für diese Generation tätsächlich lebensbegleitend.
Kein Wunder, dass sie einigen zur Leidenschaft und zum wichtigen
Bestandteil ihrer Arbeiten wird. Mit dem Tonstudio im Taschenformat
oder dem herkömmlichen PC wird die Begleitmusik zum eigenen
Projekt, zur Ausstellung oder zur Party gemischt.
Gegenwartskunst präsentiert sich bisweilen in aufwendigen,
narrativen Installationen, die in ihrer Materialvielfalt geradezu
opulent ausfallen. Häufig fungieren sie als Bühne
für künstlerische Aktivitäten. Immer aber sind
diese Arbeiten begleitet von einer Rahmenhandlung, die verkettet
ist mit der eigenen Biografie, dem subjektiven Gedanken- und
Gefühlskosmos, gesellschaftspolitischen oder alltäglichen
Themen. Jedes einzelne Objekt dieser Installationen wird erst
im Zusammenschluß aller Objekte verständlich und
in seiner Bedeutung potenziert. So werden Geschichten erzählt.
Verstehen liegt dann im Talent des Betrachters begründet.
German Open stellt sich als ein gleichberechtigtes Nebeneinander
vieler künstlerischer Positionen dar, die unbekümmert,
optimistisch und phantasievoll unterschiedlichste Medien und
Inhalte miteinander kombinieren und ihre Energie auf den Betrachter
übertragen.
Katalog: ca. 320 Seiten, deutsch, englisch, Format: 25 x
20 cm, ca. 400 Farbabbildungen mit Vorwort von Gijs van Tuyl,
einem Text von Andrea Brodbeck und Veit Görner sowie
repräsentativen Autorentexten zu den beteiligten KünstlerInnen.
Gleichzeitig sind die künstlerischen Positionen sowohl
einzeln als auch im Ausstellungskontext ausführlich visuell
dargestellt.
Pressetext